Die folgenden Thesen sind lediglich eine Diskussionsgrundlage. Sie erheben keinen Anspruch auf eine vollständige Analyse der Antideutschen Strömung. Um es allen Interessierten zu ermöglichen sich umfassender mit dem Thema auseinander zu setzen, haben wir diese Internetseite eingerichtet, die umfangreiches Informationsmaterial über antideutsche Positionen und deren Kritik enthält. Darüber hinaus versuchen wir auf dieser Seite ausgewogene Materialien zum Nahost-Konflikt zusammen zu stellen. Und schließlich sind auch Informationen über die emanzipatorische Linke in Israel und Palästina auf der Seite enthalten, die es ermöglichen sollen, solidarisch mit Menschen und mit Überzeugungen zu sein und nicht mit kapitalistischen Nationalstaaten oder Religionsgemeinschaften. Wir hoffen, dass wir auf dieser Grundlage eine konstruktive und solidarische Diskussion in der radikalen/autonomen Linken anstoßen, die dazu führt, rassistische, bellizistische und antisemitische Positionen eindeutig als solche zu benennen, und daraus die Konsequenzen zu ziehen.

 

1. Massenfeindlichkeit der Antideutschen

Wann immer sich Menschen in Deutschland zusammenschließen, um gegen ihre soziale Situation solidarisch anzugehen, wittert die antideutsche Strömung Antisemitismus. Die Friedensbewegung wird als nationalistisch, völkisch und antisemitisch bezeichnet. Fast jede soziale Bewegung, die für konkrete Verbesserungen der Lebensbedingungen der Menschen in Deutschland kämpft wird abgelehnt und mit dem Antisemitismus-Vorwurf konfrontiert. Die Kritik vieler NGO‘s an der Arbeitsweise (schlechte Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit usw.) von kapitalistischen Großunternehmen wie beispielsweise Coca Cola, Nike usw. wird als Antiamerikanismus und Antisemitismus bezeichnet. Kritik, die die Produktionsverhältnisse im Kapitalismus in Frage stellt, wird oft als verkürzte Kapitalismuskritik dargestellt. Dies ist die Methode, mit der versucht wird, die eigene Ideologie zu verbreiten. Wer sich nicht bedingungslos mit Israel und den USA solidarisch erklärt, dem wird Antisemitismus unterstellt, in dem Kritikpunkte aus dem Kontext gerissen werden. Diese Positionen der antideutschen Strömung berufen sich darauf, dass „die Deutschen" aus einer historischen Entwicklung heraus (keine vollendete bürgerliche Revolution, Obrigkeitsgläubigkeit uvm.) eine besondere antisemitische Ausprägung entwickelt hätten. Massenhafte Organisationsformen sind der antideutschen Strömung suspekt, weil sie darin immer die Möglichkeit der faschistischen Volksgemeinschaft zu erkennen glauben. In diesem Sinne befinden sie sich auf der Argumentationshöhe bürgerlicher Erklärungsversuche des Faschismus. Die Kollektivschuldthese, die besagt, dass „die Deutschen" schuld waren, ist ihr Hauptbezug. Wenn aber alle schuld waren, war es keiner – die wirklich Verantwortlichen werden gedeckt.

 

2. Das Existenzrecht Israels – Solidarität mit dem Staat Israel?

Tatsächlich stellt keine ernstzunehmende linke Gruppe das Existenzrecht Israels oder das Selbstbestimmungsrecht der Menschen, die in Israel leben, in Frage. Es ist vielmehr das Totschlagargument, mit dem Kritik am israelischen Staat begegnet wird.

Es gibt 192 von der UN anerkannte Nationalstaaten – dazu gehört natürlich auch Israel. Aber was hat ein solches „Bekenntnis" mit emanzipatorischer Politik zu tun? Nationalstaaten sind eine historische Gegebenheit und ein kapitalistisches Ordnungssystem. Kapitalistische Nationalstaaten können nicht zu Trägern sozialer Befreiung umgedichtet werden. Der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit ist in Israel nicht aufgehoben, die Menschen in Israel werden genauso zur Ware degradiert, wie in jedem anderen kapitalistischen Nationalstaat. Wie in jedem anderen kapitalistischen Nationalstaat hat das Privateigentum an Produktionsmitteln Bestand in Israel. Unsere Solidarität gebührt den Genossinnen und Genossen, die für eine antikapitalistische Gesellschaft kämpfen. Unsere Solidarität gebührt den Menschen in Israel und Palästina, die gegen Krieg und für ein besseres Leben kämpfen.

 

3. Instrumentalisierung des Holocaust – und der antideutsche Kampf gegen die Barbarei

Die Einmaligkeit von Auschwitz wird (von der antideutschen Strömung) von jeder Geschichte und Analyse abgetrennt und dem „deutschen Volk" zugeordnet. Die Opfer des Massenmordes, „die Juden" werden dem „israelischen Volk" zugeordnet. Deutschland steht immer für die absolute Barbarei und Israel für die Emanzipation von der Barbarei. In der antideutschen Ideologie bleibt die Geschichte stehen, Auschwitz ist immer und überall. Menschen die zufällig eine der beiden Staatsangehörigkeiten „besitzen", wird jede Handlungsfähigkeit abgesprochen. Die einen sind ewige Antisemiten und potentielle Massenmörder, die anderen sind immer zu schützende Opfer. Nur die antideutsche Strömung ist erleuchtet und kann jeder „Rasse", jedem Volk ihre/seine Eigenschaften zuordnen. Um jeden Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus endgültig zu verleugnen, legt die antideutsche Strömung Wert darauf, den deutschen Faschismus nicht als Faschismus zu benennen. Der Kampf vieler deutscher Arbeiterinnen und Arbeiter gegen den Faschismus wird ausgeblendet oder einfach marginalisiert. Eine historische Analyse des Geschehenen ist natürlich nur möglich, wenn mensch die Entwicklung hin zu Auschwitz untersucht. Die gesellschaftliche Form und die wirtschaftliche Produktionsweise, die Auschwitz erst ermöglicht haben, wirken in Deutschland und in Israel, wie auch in jedem anderen kapitalistischen Nationalstaat weiter.

 

4. Antiislamismus – Rassismus

Religionskritik ist unserer Auffassung nach ein wichtiger Bestandteil jeder Kapitalismuskritik. Wenn mensch analysiert welche Funktion Religion in einer kapitalistischen Gesellschaft erfüllt, geht es einzig und allein darum diese Funktionsweisen zu verstehen, aber niemals darum einzelne Menschen oder Gruppen aufgrund ihres Glaubens zu diffamieren. Die Auswahl und Art der Sprache macht sie (die Religionskritik) aber auch schnell zu einem Mittel übelster rassistischer Zuschreibungen und Hetze. Für die antideutsche Strömung verbietet sich Kritik am jüdischen Glauben, weil diese natürlich in ihren Denkmustern immer antisemitisch sein muss. Marginal kann mensch Kritik an der christlichen Religion in den Antideutschen Texten finden, meistens im Zusammenhang mit der Untätigkeit während des Faschismus bzw. wegen der Unterstützung der Faschisten. Der Hauptfeind ist aber immer der Islam. Vordergründig wird immer der islamische Terror verurteilt. Der Islam und die islamisch geprägten Nationalstaaten verkörpern für die antideutsche Strömung die reale Bedrohung für Israel. Und was Israel bedroht, muss bekämpft werden. Um die allgemeine Rückständigkeit der islamischen Religion zu beweisen, beteiligt sich ein Teil der antideutschen Strömung an Kopftuchdiskussionen und jeder anderen Debatte, die Muslime mit rassistischen Zuordnungen belegt. Wir empfehlen jedem, der Interesse an diesem Thema hat, die Archive der Konkret, Jungle World, Phase 2, Sinistra usw. durchzustöbern. Zu diesem Thema leben sie ihren Rassismus auf unerträgliche Weise aus.

 

5. Philosemitismus

Der Philosemitismus in der antideutschen Strömung ist nichts anderes als die Kehrseite des Antisemitismus. „Die Juden" werden als Objekte behandelt, bei beiden dürfen „die Juden" nicht zu Menschen werden, weil sie von beiden zur eigenen Identitätsbildung missbraucht werden. Ähnlich wie im Antisemitismus werden „die Juden" völkisch definiert. Die antideutsche Strömung kennt nur: „die Juden", „die Moslems", „die Palästinenser", „die Deutschen", usw. Alles wird bei der antideutschen Strömung zu einem völkischen Brei. Dieses Weltbild ist mit jeder Art von emanzipatorischer Politik nicht zu vereinbaren. Eine politische Gruppe, egal ob sie sich nun antideutsch nennt oder nicht, die den massenhaften Mord an Libanesen, Irakern, Afghanen, usw. rechtfertigt, weil dadurch angeblich die Interessen des kapitalistischen Staates Israel bzw. „der Juden" geschützt werden, muss als rassistische, bellizistische und nationalistische Gruppe benannt werden. Konsequenterweise unterstützen Teile der antideutschen Strömung jeden Krieg, den Israel oder die USA führen.

 

6. Militarismus und Bellizismus

Das Vernichtungsszenario gegen Israel muss in der antideutschen Ideologie immer als reale, nicht diskutierbare Tatsache konstruiert werden. Der angebliche Kampf zwischen „der Barbarei" (hauptsächlich islamisch geprägter Nationalstaaten) und den „zivilisatorischen Mindeststandards" (bürgerliche Demokratie, Kapitalismus, in erster Linie Israel und die USA) wird zum Hauptthema der antideutschen Strömung. So lassen sich immer Gründe finden, imperialistische Angriffskriege zu führen. Die antideutsche Strömung ist damit in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft angekommen. Merkel, Beck, Westerwelle, Fischer, Gysi und all die anderen Charaktermasken des deutschen Staates vertreten die gleiche Position. Ihre Positionen sind durch und durch System erhaltend und reaktionär. Jede Art von Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse, der Kampf für soziale Emanzipation wird überflüssig. In Afghanistan wird der Kampf gegen den „Islamofaschismus" und seine Terrorgruppen geführt und nebenbei werden die Rechte der Frau gegen die Barbarei verteidigt. Im Irak wird ein angeblich „faschistoider Diktator" entfernt, der mit Massenvernichtungswaffen Israel gefährdet (ob es solche Waffen wirklich gab, ist dann auch egal). Der Libanon wird in Schutt und Asche gebombt, um die Hisbollah zu vernichten, weil diese das Existenzrecht Israels als jüdischen Staat in Frage stellt. Die palästinensischen Autonomiegebiete werden wie eine Kolonie behandelt, weil die Raketen der Hamas Juden vernichten. Mit dieser Argumentation hat es die antideutsche Strömung geschafft, imperialistische Kriege als emanzipatorisch darzustellen, und das teilweise unwidersprochen in der linken Szene.

 

7. Antiimperialismus = Antiamerikanismus = Antisemitismus?

Mit dem Bewusstsein im Kopf, dass imperialistische Kriege (Irak, Afghanistan usw.) den Bestand des Staates Israel garantieren und der fixen Idee, die bürgerlichen Demokratien gegen die islamische Barbarei verteidigen zu müssen, findet die antideutsche Strömung schnell einen zweiten Lieblingsstaat neben Israel: Die Vereinigten Staaten von Amerika. Antiimperialistische Positionen, die lange zum Grundverständnis der emanzipatorischen Linken gehörten, werden von der antideutschen Strömung heftig angegriffen. Wir können für uns klar sagen, wir bezeichnen uns als Antiimperialisten, in dem Sinne, dass wir imperialistische Politik und imperialistische Kriege ablehnen (den Imperialismusbegriff definieren wir auf der Internetseite, da es hier den Rahmen sprengen würde). Die antideutsche Strömung sieht die USA in Folge des zweiten Weltkrieges als Schutzmacht gegen den Faschismus und den Antisemitismus. Auf heute übertragen als Schutzmacht Israels und als Beschützer der bürgerlichen Demokratien vor der islamischen Barbarei. Der letzte Schritt ist dann einfach. Wer die Schutzmacht Israels ist und damit einen neuen Holocaust verhindert, darf egal was er tut nicht mehr kritisiert werden. Kritik an einem kapitalistischen Nationalstaat, der Länder mit Krieg und einem Besatzungsregime überzieht und dabei massenhaft Menschen umbringt, wird von großen Teilen der antideutschen Strömung als antisemitisch bezeichnet.

 

Schluss

Wir möchten noch einmal betonen, dass es uns um eine solidarisch geführte Diskussion und um politische Inhalte geht. Ob sich jemand selbst als antideutsch bezeichnet oder nicht, ist uns egal. Unser Ziel ist die klare Abgrenzung zu den von uns als „antideutsch" identifizierten Denkmustern, die wir für rassistisch, bellizistisch und anti-links halten.