28.02.2004 / Wochenendbeilage / Seite 6 (Beilage)

Innere Konfliktlinien

Ein Buch über Veränderungen im politischen System Israels

Detlef Nakath

Angelika Timm, derzeit DAAD-Professorin am Department of Political Studies der Bar-Ilan-University in Tel Aviv, ist eine auf dem Gebiet der Geschichte und Politik Israels ausgewiesene Wissenschaftlerin. Insbesondere ihre Bücher »Israel. Geschichte des Staates seit seiner Gründung« (1998) und »Hammer, Zirkel, Davidstern« (2000) fanden in der Fachwelt große Beachtung.

 

Mit ihrem neuesten Buch »Israel – Gesellschaft im Wandel« legt sie nun eine politikwissenschaftliche Untersuchung der Transformationsprozesse der israelischen Gesellschaft in der – wie sie es formuliert – »Zweiten Republik« vor. Dem Buch wird eine wichtige Erkenntnis vorangestellt. Demnach ist – und dem kann nur zugestimmt werden – in den deutschen wie internationalen Medien permanent ein Israel-Bild präsent, das ganz wesentlich durch den Nahostkonflikt und die derzeit zugespitzte israelisch-palästinensische Konfrontation geprägt ist. »Unabdingbar für das Verständnis israelischer Realität« sei jedoch, »auch der Blick auf die innerstaatliche Entwicklung, die zwar untrennbar an die äußeren Entwicklungsbedingungen gebunden ist, häufig aber eigenständige Konfliktlinien schafft und existentiell auf die gegenwärtige bzw. künftige Befindlichkeit der israelischen Gesellschaft einwirkt.«

 

Das politische System des Landes sei nicht mehr nur durch den Dualismus zwischen Avodah (Arbeitspartei) und dem »konservativ-liberalen« Likud geprägt. Der Bedeutungszuwachs kleinerer Parteien und deren Rolle bei Regierungsbildungen und in der Knesseth ist unverkennbar. Ein Grund dafür besteht im neuen Wahlsystem des Landes, das die parlamentarischen Interessenvertretungen spezifischer Bevölkerungsgruppen begünstigte. Vor allem das politische Gewicht religiöser und ethnischer Parteien hat deutlich zugenommen. So habe sich die Zahl der Knesseth-Abgeordneten der drei religiösen Parteien Mafdal, VTJ und Schas seit Mitte der achtziger Jahre von zwölf auf 27 mehr als verdoppelt. Ohne die Schas waren die Regierungsbildungen unter Benjamin Netanjahu (1996), Ehud Barak (1999) und Ariel Scharon (2001) nicht mehr möglich.

 

Timm konstatiert außerdem »bedeutsame Veränderungen« in der Interessenvertretung der in Israel lebenden arabischen Bürger. So habe sich in den neunziger Jahren vor allem in der jungen Generation arabischer Israelis eine »stärkere Anteilnahme und aktive Beteiligung am politischen Geschehen« im Lande herausgebildet. Auch das Wahlverhalten dieser Gruppe ändert sich: Hatten die arabischen Wähler bis 1992 noch mehrheitlich zionistische Parteien – vor allem die Arbeitspartei – gewählt, so votierten 1996 und 1999 etwa zwei Drittel dieser Wählergruppe für arabische Parteien.

 

Die erneute Änderung des Wahlsystem 2003 mit einer Rückkehr zu den alten Bestimmungen bewirkte neben der veränderten Sicherheitslage im Lande einen deutlichen Stimmenzuwachs für den Likud und die Politik Scharons, obwohl sich seit 2001 die wirtschaftliche Lage dramatisch verschlechterte und vor allem die Arbeitslosigkeit erheblich anstieg.

 

Timm beschäftigt sich in ihrem Band neben den politischen Veränderungen auch mit dem Wandel im noch in der jüngsten Vergangenheit stark zionistisch geprägte Geschichtsbild sowie den Bildungsinhalten an den Universitäten und Schulen des Landes. Sie sieht die Entwicklung der israelischen Gesellschaft in einem Wandel »vom Schmelztiegel zur Mosaikgesellschaft« und geht der Frage nach, ob sich die Gesellschaft »auf dem Weg zu einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft« befindet.

 

An der israelischen Nahostpolitik kann man in einem solchen Buch natürlich nicht vorbei gehen. Die Autorin nähert ihr sich historisch, indem sie von den politischen Leitlinien David Ben Gurions und Jitzchak Schamirs sowie den Konstellationen nach den Verhandlungen von Madrid und Oslo ausgeht.

 

Mit dem vorliegenden Band gelingt ein für deutsche Leser sehr interessanter Überblick über die gegenwärtige politische Situation in Israel und den Zustand der heutigen israelischen Gesellschaft.

 

* Angelika Timm: Israel – Gesellschaft im Wandel. Leske + Budrich, Opladen 2003, 327 Seiten,

19,90 Euro