Stimmungswandel im Nahostkonflikt

Die meisten Israelis wollen Gespräche mit der Hamas

 

Wieder hat die israelische Luftwaffe ein Ziel im Gaza-Streifen angegriffen, wieder skandieren Palästinenser Hass-Parolen. Aber jenseits des fast täglichen Rituals deutet sich ein Wandel an: Die Israelis haben genug. Sie wollen auch mit der Hamas verhandeln.

Von Sebastian Engelbrecht, ARD-Hörfunkstudio Tel Aviv

 

[Bildunterschrift: Nach dem israelischem Luftangriff bei Chan Junis ]

Kurz nach dem israelischen Luftangriff im Süden des Gaza-Streifens in der Nähe von Chan Junis versammelt sich eine Traube von Menschen um das getroffene Auto. Sie suchen nach Überresten der mindestens fünf getöteten Palästinenser und skandieren "Allahu akbar", "Gott ist groß".

Krankenwagen rasen zum Ort des Angriffs. Ein blau-weißer Kleinbus war das Ziel der israelischen Hubschrauberattacke. Zwei Raketen haben den Wagen total zerstört. Voller Empörung begleiten die Männer vier Verletzte ins Krankenhaus und später die Toten auf dem Trauermarsch durch die Straßen der Stadt.

Die Angriffe aus der Luft, die anschließende Bergung und Trauer folgen einem Ritual. Während eine Sprecherin der israelischen Armee erklärt, der Vorfall werde untersucht, gibt die islamistische Hamas bekannt, fünf ihrer Männer seien bei dem Angriff getötet worden. Das israelische Militär zielt seit Jahren auf militante Palästinenser, die am Bau und Abschuss von Raketen in Richtung Israel beteiligt sind – so auch heute wieder.

Der Gewaltrituale müde

Aber die Mehrheit der Israelis will sich die Rituale der Gewalt hüben und drüben nicht mehr mit ansehen. 64 Prozent der israelischen Bevölkerung unterstützen direkte Gespräch mit der Hamas über einen Waffenstillstand. Auch über die Freilassung des in Gaza entführten Soldaten Gilad Schalit soll nach dem Willen von fast zwei Dritteln der Israelis verhandelt werden. 28 Prozent, weniger als ein Drittel, sind gegen Gespräche. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der israelischen Zeitung "Ha‘aretz".

 

[Bildunterschrift: Die Israelis wollen sich die beiderseitigen Gewaltrituale nicht mehr mit ansehen. ]

Nach der Untersuchung haben die Israelis genug von den nun seit sieben Jahren andauernden palästinensischen Angriffen mit Kassam-Raketen auf das Gebiet um den Gaza-Streifen, insbesondere auf die Stadt Sderot. Außerdem wollen sie den Soldaten Gilad Schalit endlich zurück in der Freiheit sehen. Er ist nun schon seit über anderthalb Jahren in der Hand seiner Entführer in Gaza.

Reserveoffiziere der israelischen Armee haben in den vergangenen Monaten wiederholt Verhandlungen mit der Hamas verlangt. Diese Forderungen finden jetzt Widerhall in der gesamten israelischen Öffentlichkeit. Nach bisherigen Erkenntnissen waren die Israelis mehrheitlich gegen Gespräche mit der islamistischen Regierung des Gaza-Streifens.

Laut der Untersuchung vertreten auch die Anhänger des rechtsgerichteten Likud-Blocks deutlich gemäßigtere Positionen als die Abgeordneten der Partei in der Knesset. Fast die Hälfte der Likud-Anhänger, 48 Prozent, plädieren für Gespräche mit den Islamisten. Die klare Mehrheit der Wähler der regierenden Koalitionsparteien, der Kadima und der Arbeitspartei, wollen Gespräche mit der Hamas.

"Wir wollen ihn bei uns sehen"

In eine ähnliche Richtung weist der Appell der ehemaligen Mitschüler des entführten Soldaten Schalit. Seine ehemalige Schulklasse fordert heute in einem offenen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten Olmert auf, ihren Freund Gilad schnell zurückzubringen – trotz aller Gefahren und Schwierigkeiten, und auch wenn es die Regierung im Rahmen eines Gefangenenaustauschs einen hohen Preis kosten sollte.

"Wir wollen ihn bei uns sehen, unter uns, zu Hause", schreiben Schalits Schulfreunde.

Stand: 27.02.2008 14:18 Uhr