»Arbeiterführer« Hitler: Fotomontage von John Heartfield (Titel einer illegalen Ausgabe der Arbeiter-Illustrierten Zeitung vom Mai oder Juni 1934)
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Junge Welt, 26.04.2008 / Thema / Seite 10

 

Arbeiten für den Krieg

Der 1. Mai 1933: die Nazidiktatur und ihre soziale Demagogie

Kurt Pätzold

Zu den Gründungslegenden der faschistischen Diktatur in Deutschland gehört nächst der Geschichte von der Machtergreifung durch die »nationalsozialistische Bewegung« eine zweite. Sie besagt, es habe 1933 das Reich einen Kanzler, das Volk einen Führer erhalten, der aus einfachsten Verhältnissen hergekommen sei, Entbehrungen und Not aus Kindheits- und Jugendjahren gekannt, sich aus eigener Kraft sein Wissen angeeignet und sich »emporgearbeitet« habe. Ein Mann also wie vordem keiner, der diesen Platz seit 1871 besetzt hatte. Einen von ganz unten, so gibt es Hitler in »Mein Kampf« an, der auf dem Bau Schwerstarbeit geleistet habe. Diese Beschreibung war der zweckgerichteten Phantasie des »Führers« entsprungen und schuf den gewünschten Kontrast zu allen seinen Vorgängern und gerade jenen während der Jahre der Republik. Der letzte in deren Reihe, Kurt von Schleicher, hatte standesgemäß auf einer Kadettenanstalt begonnen. Gleiches galt für dessen Vorgänger Franz von Papen, einen Grundbesitzer und Zeitungsaktionär. Denen war Heinrich Brüning vorausgegangen, ein Patriziersohn, der an mehreren Universitäten studiert hatte und zum Lehramt gelangt war. Er war auf den Sozialdemokraten Hermann Müller, den Sohn eines Fabrikdirektors, gefolgt. Und so ließ sich die Reihe der Reichskanzler bis 1919 rückwärts weiter verfolgen über einen Lehrer- und einen Beamtensohn, den Abkömmling einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie bis zu Philipp Scheidemann, der aus Handwerkerkreisen stammte und nach einer Berufsausbildung als Setzer gearbeitet hatte. Viele Kanzler waren studierte Leute und hatten es, wie Joseph Wirth und Gustav Stresemann, bis zur Promotion gebracht.

 

»Proletarier Hitler«

Hitler präsentierte sich den Deutschen als der erste Arbeiter am Regierungsruder, der die Nöte des Standes – der Begriff Klasse war so verpönt wie der angeblich von Marx erfundene Klassenkampf – am eigenen Leibe erfahren habe. Er war dieser Darstellung zufolge von einem »Arbeiter der Faust« zu einem »Arbeiter der Stirn« geworden. Vor den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erschien ein Plakat, das mit der Aufschrift »Hitler baut auf« ein Hochhaus mit dem Grundriss eines Hakenkreuzes zeigte. Vom Bauarbeiter zum Baumeister, zum Architekten und Künstler, so wurde den Deutschen in den Vorkriegsjahren ihr »Führer« präsentiert. Auch derartige Bilder stützten die Vorstellung vom Friedenskanzler, dem jeder Gedanke an kriegerische Zerstörung fern läge, zumal er, der »einfache Frontsoldat des Weltkrieges«, das Grauen der Jahre 1914 bis 1918 durchlitten habe.

 

Daß er weniger durch seine Herkunft – er war der Sohn eines beamteten und gut situierten Zollinspektors – denn durch seinen Werdegang auch aus der Reihe seiner »alten Kämpfer« hervorstach und im Hinblick auf Göring, Goebbels und Himmler gar nicht erst versucht wurde, auch diese auf »Arbeiter der Faust« zu frisieren, bekräftigte die Heraushebung Hitlers als »Führer« zusätzlich. Indessen hatte dieser Politiker mit vorgetäuschter Proletarier-Erfahrung – eine Bezeichnung, die der »nationale« Mann selbstredend abgelehnt hätte, wiewohl die von ihm geführte Partei sich auch Arbeiterpartei nannte – unter den Angehörigen dieser Klasse nur Randschichten erreicht. Jedenfalls, solange er nicht an das Staatsruder gelangt war. Zu seinen frühen Gefolgsleuten, die in der Weltwirtschaftskrise gewonnen worden waren, gehörten Landarbeiter, Arbeiter, die in Kleinbetrieben beschäftigt waren und ihren Chefs in die NSDAP folgten, und auch junge Leute aus dem Arbeitermilieu, die keine Lehr- oder Arbeitsstelle erhalten hatten. Hitler wußte, wie es um diese seine »Arbeiterpartei« stand und hatte sich und seiner Umgebung in der Parteispitze früh eingestanden, daß bei legaler Tätigkeit von Kommunisten, Sozialdemokraten, freien und christlichen Gewerkschaften Arbeitermassen nicht unter das Hakenkreuz zu bekommen waren.

 

Das schloß Anstrengungen nicht aus, dennoch in deren Reihen einzubrechen. Diese Versuche hatten ihren Preis. Es mußte dann dreist die sozial­demagogische Karte gespielt, von »nationalem Sozialismus« geredet und versprochen werden, man wolle in der Gesellschaft das Unterste zuoberst bringen. Goebbels, aus dem Westen des Reiches in die Hauptstadt geschickt, das »rote Berlin« zu erobern, trieb diese Demagogie so weit, daß er in Kreisen des Kapitals – anders als Hitler – als »Nationalsozialist« mit revolutionären Absichten angesehen wurde. Auch die Aktion »Hinein in die Betriebe«, getragen von der Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO), brachte nur geringen Erfolg. Gewonnen wurden unter anderem Werkmeister und Angestellte. Viele Belegschaften hielten sich etwas darauf zugute, daß sie »nazirein« waren.

 

Zudem erwies sich die Gründung einer Naziorganisation in den Betrieben als zweischneidig. Das zeigte sich, wenn es – in der Krise selten genug – zu Streiks kam. Dann waren Hitler und seine Mitführer gezwungen, ihren bourgeoisen Förderern zu versichern, daß sie derlei Kämpfe nur aus taktischen Gründen mitmachten, wenn sie aber an der Staatsmacht wären, Gewerkschaften, Streiks und andere Arbeitskämpfe abgeschafft würden. Diese Versprechen hielten sie. Kurzum: Der Kampf um »den deutschen Arbeiter« wurde auf die Zeit vertagt, da die Konkurrenz illegalisiert und deren Führer ausgeschaltet waren. Darauf zielten bereits die ersten Erklärungen des Reichskanzlers Hitler, der als das Ziel seiner Regierung die »Rettung des deutschen Arbeiters« binnen vier Jahren ausgab.

 

Ein Danaergeschenk

Wiewohl Hitler sich in diesen frühen Reden des Jahres 1933 immer wieder an Arbeiter wandte und die Arbeit als den einzigen Weg aus der Katastrophe bezeichnet hatte, ließ er sich mit seinem Auftritt vor Betriebsarbeitern Zeit. Erst als die Regierung im November 1933 in einer Volksabstimmung das Ja zu dem erfolgten Austritt aus dem Völkerbund forderte, wurde im Berliner Siemens-Werk eine Kundgebung inszeniert. Die Presse der Nazis feierte sein »Erscheinen« vor Hunderten dort in einer Halle dicht bei dicht Versammelten hymnisch: »… und in der zwölften Stunde kam Hitler zu den Arbeitern«. Auch diese Wendung nahm eine Anleihe im biblischen Text. Der »Führer« – der Erlöser, noch nicht von der Arbeitslosigkeit, aber vom Wahn angeblich falscher Lehren vom Klassenkampf. Daß sich Hitler in dieser Weise aufführen konnte, besaß eine Voraussetzung: die tiefe Illegalisierung der Arbeiterbewegung und ihrer organisatorischen Hauptströme, der kommunistischen und der sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften. Sie war von raffinierter Irreführung begleitet. Die hatte ihren Höhepunkt in dem Coup des ersten Maitags 1933.

 

Überraschend erklärten die Machthaber den in der Tradition der sozialistischen Arbeiterbewegung fest verankerten Tag, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begangen als internationaler Kampftag, an dem Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, Frieden und Sozialismus erhoben wurden, zum arbeitsfreien Tag. Dafür hatten die Arbeiter seit langem vergeblich gekämpft. Nun machte ihnen die Hitler-Regierung ein Geschenk. Am 10. April beschloß sie das »Gesetz über die Einführung eines Feiertags der nationalen Arbeit«. Es bestand aus nur zwei Paragraphen. Sie erklärten den ersten Maitag ähnlich dem Neujahrstag zu einem Tag, an dem die Arbeit ruhte, die von nun an – geradezu beiläufig – in den Rang einer nationalen Tat erhoben wurde. Diese Kennzeichnung des Tages wurde übrigens bald wieder aus dem Verkehr gezogen und durch die total entschärfte Benennung als »nationaler Festtag des deutschen Volkes« ersetzt.

 

Aus dem einstigen Kampftag war ein Tag gemacht, an dem sich die »Volksgemeinschaft« feierte und eitel Eintracht zwischen Kapitalisten, Betriebsführern, Angestellten und Arbeitern demonstriert wurde. Den Auftakt dafür gab der 1.Mai 1933, der erste im Zeichen des Hakenkreuzes. Auf dieses politische Schurkenstück hatten Hitler und Goebbels sich bereits am 23. März verständigt, was sich dem Tagebuch des Mannes entnehmen läßt, der eben den neu geschaffenen Posten des Propagandaministers besetzt hatte und dem die Regie des Tages oblag. Auf ihn sollte die Liquidierung der freien Gewerkschaftsbewegung folgen. Vorbereitet wurde er als ein Tag der »Gleichschaltung« der Volksmassen, ein verräterischer Begriff, der von einer Sicht auf Menschen zeugte, die sie als tote Materie ansah, die sich mittels einen Schalters in Funktion setzen läßt. Dabei war »Gleichschaltung« noch eine beschönigende Kennzeichnung. Gemeint war Unterwerfung unter die Weisungen und Befehle der Machthaber.

 

Der Umtaufe des Tages waren Sinn und Absicht abzulesen. Statt Kampf für Interessen und Rechte der Ausgebeuteten – Feier der »Volksgemeinschaft«; statt Heerschau der eigenen Kräfte – Feier der »deutschen Arbeit«. Plakate kündeten an, es werde »der erste deutsche Mai« begangen. Denen ließ sich die Absage an den Gedanken grenzüberschreitender internationaler Solidarität ablesen. Der Tag wurde von den Machthabern von nun an als ein Gemisch angerichtet, das aus politischer Ausrichtung durch Führerreden und Volksfestrummel bestand. So hob es schon 1933 an. In Berlin fand eine Massenkundgebung auf dem Tempelhofer Feld statt, auf der Hitler sprach. Zum Programm gehörte in der Reichshauptstadt das Setzen einer Hindenburg-Eiche, und in mehreren deutschen Städten wurden Hitler-Eichen gepflanzt. In Nienburg an der Weser hatte der Land- und Schulrat die Schulen angewiesen, die Kinder zusammenzurufen, eine Rede des Schulleiters oder eines anderen Lehrers anzuhören und dazu noch die Rundfunkübertragung aus Berlin. Am Abend sollte in den Sälen der Stadt ein »deutscher Tanz« stattfinden.

 

Ein klägliches Ende

Der Rummel ist vergessen, nicht aber der Aufmarsch auf dem Flugfeld inmitten der Reichshauptstadt, zu dem sich endlose Kolonnen von Marschierenden bewegten, so daß Hunderttausende zusammenkamen. Kein Maitag vordem hatte eine derartige Menschenmenge versammelt. Das Geheimnis ihres Zustandekommens war nicht groß. Die Mitglieder und Anhänger der NSDAP und die Gefolgsleute der »nationalen« Regierung fanden sich dort ein, ihre Treue zum Regime und ihre Teilnahme am »Aufbruch der Nation« zu bekunden. Erschienen waren Leute, die der Tag vordem nie interessiert hatte und denen es nie in den Sinn gekommen wäre, sich für demokratische und sozialistische Forderungen einzusetzen. Zudem erschienen Kolonnen aus staatlichen und kommunalen Verwaltungen. Ja, es fand sich selbst das leitende Betriebspersonal ein. So ungewohnt ihnen die ganze Aufführung vorkommen mochte, sie trugen dazu bei, das Bild von der Überwindung des Klassenkampfes zu stützen und sich an der Seite »ihrer« Arbeiter einzureihen. Die Anstrengung war gering, der Gewinn groß.

 

Doch diese alle hätten die gewaltige Kulisse für die »Führerrede« allein nicht abgeben können. Die entstand erst dadurch, daß die Organisationen der freien Gewerkschaften und – was weniger verwunderte – auch die der christlichen dazu aufgerufen hatten, an der Veranstaltung teilzunehmen. Der Appell bezeugte die Illusionen, die in der Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) existierten, deren größte die Hoffnung war, in irgendeiner Form auch in der Diktatur des Faschismus weiter existieren zu können. Zugleich offenbarte sich ein Grad von Anpassungsbereitschaft an das neue Regime, der umso mehr staunen macht, da inzwischen hinreichend Erfahrungen mit ihm vorlagen.

 

Reichsweit war der Angriff auf die Gewerkschaften am 22. April, an dem der Aufruf zur Teilnahme an der Kundgebung an die Mitglieder gerichtet wurde, noch nicht erfolgt. Doch lagen den Gewerkschaftsführern Meldungen aus vielen Städten vor, daß Funktionäre attackiert und verhaftet und Einrichtungen der Organisation besetzt, durchsucht und demoliert worden waren. Derlei hatte sich schon im Verlauf des März von Aachen und Ludwigshafen im Westen bis Breslau und Schneidemühl im Osten des Reiches, von Bremen im Norden bis Rosenheim im Süden ereignet. Das ließ ihre Deutung als Übergriffe von Lokalgrößen der Nazis nicht zu. Die Antwort der Führung des ADGB hatte dennoch einzig in einer Beschwerde bestanden, die an den Reichspräsidenten gerichtet worden war, von dem, da er den Führer dieser »Revolutionäre« doch eben zum Reichskanzler berufen hatte, am wenigsten Beistand erwartet werden konnte.

 

Am Tag nach dem Fest, das durch den Massenaufmarsch den neuen Machthabern auch vor dem Ausland als Argument ihrer Legitimation diente, erfolgte im gesamten Reichsgebiet der geplante Schlag gegen die freien Gewerkschaften. Die SA besetzte die Gewerkschaftshäuser und andere Einrichtungen des ADGB nun ohne Ausnahme, verhaftete Gewerkschaftsfunktionäre, verschleppte sie in Gefängnisse und Konzentrationslager, so nach Oranienburg bei Berlin. Das Eigentum der Organisation, von Generationen Arbeitender über deren Mitgliedsbeiträge und Spenden angehäuft, verfiel der Beschlagnahme, wurde ein Raub der Machthaber und lieferte den Grundstock für die Ausstattung der am 10. Mai gegründeten Deutschen Arbeitsfront (DAF), die ihr Vorbild in einer Organisation des italienischen Faschismus mit dem vergleichsweise unpolitischen Namen »Nach der Arbeit« besaß. In Deutschland mußte es eine »Front« sein, und in dieser Namensgebung drückte sich nicht nur der Geist des Militarismus aus, den die NSDAP pflegte und auch der Führer dieser Organisation, Robert Ley, ein Freiwilliger des Weltkriegs. »Front« war hier durchaus wörtlich gemeint als Ort, an den »Soldaten der Arbeit« gehörten, bereit, der staatlichen Obrigkeit und »ihren Betriebsführern« zu folgen. Diese Haltung wurde nicht binnen Monaten und wenigen Jahren hergestellt, aber sie war im Kriege erreicht, nicht zuletzt unter der Androhung von Strafen und angesichts der Furcht vieler, ihren Arbeitsplatz in einem Werk mit einer Kaserne und dann mit dem Weg auf ein Schlachtfeld vertauschen zu müssen. Die Ausrichtung auf dieses dem Kapital erwünschte und Profit bringende Verhalten begann 1933.

 

Repräsentation und Reklame

In der Propaganda der NSDAP gehörte die Heraushebung der Arbeit als Hauptweg zum Aufstieg Deutschlands und – mehr noch – als Kenn- und Markenzeichen der Nation zum festen Bestand. »Deutschland arbeitet« lautete eine Parole, »Arbeit adelt« eine andere; sie waren auch darauf berechnet, die »Volksgenossen« ebenso wie das Ausland von der Friedfertigkeit des Regimes zu überzeugen. Dem dienten ebenso Reklameprojekte, die alsbald in Angriff genommen wurden. Zu ihnen gehörten Eindeichungen an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, die u.a. von Arbeitslosen aus Hamburg und Kiel vorgenommen wurden. Landwirtschaftlich waren sie bei einer Ausdehnung von insgesamt nicht mehr als etwa 13 Hektar ohne größere Bedeutung. Aber sie eigneten sich gut, um herauszustellen, daß das deutsche Volk ohne ausreichenden Raum und Ernährungsgrundlage sich dennoch zu behelfen wisse. Bilder aus Goethes »Faust«, wie die dem Meere Land abringende glückliche Gemeinschaft, wurden aufgerufen. Die entstandenen Ansiedlungen erhielten die Namen »Adolf-Hitler-Koog« und »Hermann-Göring-Koog«. Der auf den Namen des »Führers« getaufte wurde in dessen Anwesenheit am 29. August 1935 eingeweiht. Nazidichter halfen der Friedensdemagogie auf ihre Weise auf, so Hans Baumann mit seinem vor allem wegen der Zeile »…wenn alles in Scherben fällt« häufig zitierten und auch vertonten Gedichtes »Es zittern die morschen Knochen«. Sein Text wies jeden Verdacht kriegerischer Absicht als verleumderisch zurück. Bezichtigt wurden dessen irgendwelche verachtenswürdige »Alte« und anonyme »Welten«: »Sie wollen das Lied nicht begreifen, sie denken an Knechtschaft und Krieg, dieweil unsere Äcker reifen …«

 

Der Propagandaschlager der Arbeitsbeschaffung schlechthin war der Beginn des Baus von Autobahnen, die bald »Straßen des Führers« hießen. Beim damaligen Stand der Bautechnik wurde dafür eine erhebliche Zahl von Arbeitskräften mobilisiert, zum Teil zwangsverpflichtet. Das Leben in den Arbeiterlagern war primitiv und mitunter jämmerlich. Doch für viele dieser Straßenbauer galt, daß sie seit Jahren wieder Geld verdienten. Über die an den Trassen hinaus Beschäftigten erhielten Zement-, Eisen- und Stahlwerke, Kiesgruben und andere Baustofferzeuger Staatsaufträge; so entstanden zusätzlich Arbeitsplätze. Obwohl kaum jemand, der an diesem Großprojekt beteiligt war, damit rechnen konnte, daß er mit seiner Familie je im eigenen Auto über diese Straßen fahren werde, verbreitete sich mit ihnen das Bild eines erneuerten, modernen Deutschland, eine Vorstellung von Tempo, Weite, Eleganz und Rationalisierung.

 

Andere Staatsaufträge ergingen, um dem Regime repräsentative Bauten zu schaffen. Auch sie sollten den Eindruck von Aufbruch, Macht und Dauer erwecken. In Berlin wurde mit dem Bau des Gebäudes für die Reichshauptbank, dann mit denen für das Luftfahrt-, das Propaganda- und das Innenministerium begonnen. Die NSDAP ließ in Städten ihre Verwaltungssitze und auf dem Lande Baukomplexe für Schulungszwecke errichten. Die Betriebe der Textil- und Lederindustrie und verwandte Produktionszweige und Handwerke erhielten umfangreiche Bestellungen an Uniformen für die sich aufblähenden Organisationen der SA und SS, des Kraftfahrer-, Marine- und Fliegerkorps bis hin zum männlichen und später auch weiblichen Reichsarbeitsdienst und zur Hitlerjugend.

 

Produktion für die Rüstung

Weniger in das Propagandabild gelangte in den frühen Jahren des Regimes die Arbeitsbeschaffung, die für die sukzessive und schließlich vollständige Beseitigung der Arbeitslosigkeit ausschlaggebend war: die permanente Steigerung der Rüstungsproduktion zur Ausstattung der Reichswehr, seit 1935 der Wehrmacht. Deren Intendanturen wurden besonders mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zum gesuchten Auftraggeber. Die Soldaten waren zu behausen, zu bekleiden und zu bewaffnen, wozu in nahezu allen Industriezweigen wie in der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft Bestellungen eingingen. Gebaut wurden Kasernen und Flugplätze, produziert wurde jegliches Kriegsgerät. Das ergab Beschäftigung für Produktionsarbeiter und erforderte Facharbeiter, an denen es bald zu mangeln begann, so daß die Lehrlingsausbildung intensiviert werden mußte. Für Architekten, Techniker, Ingenieure und Erfinder eröffneten sich Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten, wie sie noch kurz zuvor nicht einmal gedacht worden waren. 1935 ließ zudem die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht junge Arbeitskräfte zeitweilig vom Arbeitsmarkt verschwinden.

 

In dem Maße, wie der Beschäftigungsgrad zunahm, vergrößerte sich die kaufkräftige Nachfrage nach Lebensmitteln und Bekleidung. Sie richtete sich auch auf langlebige Güter wie Wohnungseinrichtungen, deren Erwerb bis dahin vielen jungen Ehepaaren unmöglich gewesen war. Die Lebensverhältnisse der Bevölkerung besserten sich, ohne daß in den Kreisen der Arbeiter das Wohlleben ausgebrochen wäre. Denn dafür, daß die Entwicklung der zivilen Nachfrage aufs Ganze gesehen in Grenzen blieb, sorgte der verordnete Lohnstopp. Vollständig war der zwar, da die Betriebe um qualifizierte Arbeitskräfte konkurrierten, nicht durchzusetzen. Doch wirkte er insgesamt zugunsten der Profite des Kapitals, was verstärkt Investitionen ermöglichte, und nicht weniger zugunsten der Staatspolitik, die nicht unter den Druck geraten wollte, Devisen, die für den Kauf von Rüstungsrohstoffen bestimmt waren, für die Einfuhr von Nahrungsgütern abzweigen zu müssen.

 

Die psychologische Wirkung der Beseitigung der Arbeitslosigkeit kann nach den Jahren des Massenelends und des Hungerns kaum überschätzt werden. Antifaschisten, die sich davon nicht bestechen ließen und ihren Gesprächspartnern eine nüchterne und vollständige Sicht auf Taten und Wege des Regimes zu vermitteln suchten, stießen bei allem, was ihnen zugestanden wurde, am Ende wieder und wieder auf das Argument: »Aber sie haben Arbeit geschaffen«. Das Hemd war vielen Arbeitern näher als der Militärrock, den sie zu Millionen bald angezogen bekommen sollten. Die Propagandisten des Regimes wußten aus der Reduzierung und schließlich erreichten faktischen Beseitigung der Arbeitslosigkeit ihre Münze zu schlagen. Hitler wurde als der Kanzler dargestellt, der im Gegensatz zu allen seinen Vorgängern in der Weimarer Republik Wort gehalten habe. Der erste Vierjahresplan sei erfüllt, hieß es 1936. Mit ihm die Versprechen von 1933. Ausstellungen und Filme feierten das Erreichte. Es wurde Zuständen in Nachbarländern gegenübergestellt, in denen die Erholung der Wirtschaft nach der großen Krise ungleich langsamer eingesetzt hatte. Und: Das alles sei erst der Anfang. Für dieses Deutschland schien es keine unüberwindbaren Hindernisse zu geben. Der Führer wußte um Weg und Ziel. Es galt, ihm zu vertrauen und zu folgen. Diese soziale Demagogie der Faschisten schwebte nicht frei, da hätte sie bald ihre Kraft verloren. Sie besaß Bodenberührung. Erfolg konnte vorgewiesen werden und weiterer Erfolg wurde versprochen – und massenhaft an ihn geglaubt.