Auftakt für immer grausamere Verbrechen: SA-Trupp vor einem jüdischen Geschäft (Deutsches Reich, o. O., 1.4.1933)
Foto: jW-Archiv

Junge Welt, 01.04.2008 / Thema / Seite 10

 

Diffamiert und entrechtet

Vor 75 Jahren: Jüdische Bürger werden in Deutschland zu »Volksfeinden« erklärt. Antisemiten in Aktion – auf den Straßen, am Kabinettstisch, im Staatsapparat

Kurt Pätzold

Die Fotos, die an jenem 1. April 1933 in deutschen Städten, großen wie kleinen, gemacht worden sind, finden sich in unseren Schulgeschichtsbüchern und sind wieder und wieder in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt worden. Vor Geschäften, deren Türen und Schaufensterscheiben mit der Aufschrift »Kauft nicht bei Juden« beschmiert wurden, sind Posten der nazistischen Sturmabteilungen (SA) aufgezogen, die Kaufinteressierte am Betreten der Räume hindern sollen. Viele Eigentümer haben darauf ihre Geschäfte selbst geschlossen. Die Aktion, für die es in der neueren deutschen Geschichte bis dahin kein Beispiel gab, war von der Nazipartei inszeniert worden. Für ihre Leitung wurde eigens ein »Zentralkomitee« installiert, an dessen Spitze Julius Streicher trat, der sich selbst den Titel des »Antisemiten Nr. 1« zulegte und der 1946 als einer der geistigen Urheber des zumeist Holocaust genannten Massenmordens in Nürnberg am Galgen enden wird.

 

Die »Boykott« genannte Aktion war der weltweit Aufmerksamkeit und auch Proteste auslösende Auftakt der Judenverfolgungen der deutschen Faschisten, deren erstes Ziel die Vertreibung der Juden aus Deutschland war. Das wurde öffentlich noch nicht bekannt, doch stand das den Antisemiten unterm Hakenkreuz klar vor Augen. Nahm man den jüdischen Deutschen die Möglichkeiten, im Lande ihrer Geburt, ihrer Väter und Mütter und älteren Vorfahren durch ihre Arbeit ihren Unterhalt zu verdienen, als Geschäftsleute, Ärzte, Rechtsanwälte, in den verschiedensten sogenannten geistigen Berufen, als Angestellte und Arbeiter, als Eigentümer von Betrieben und Banken, dann – so das Kalkül – würde ihnen keine Wahl bleiben, und sie müßten Deutschland verlassen. Diese Politik ist bis 1939 und noch in der Anfangsphase des Krieges strikt und mit sich steigernden terroristischen Maßnahmen verfolgt worden, die ihren Höhepunkt im November 1938 mit dem Pogrom, der Verschleppung und Ermordung von Juden in Konzentrationslager erreichten.

 

In Geiselhaft genommen

Die Aktion des 1. April aber wurde nicht als der erste Schritt im Rahmen einer Strategie ausgegeben, sondern als abwehrende »Antwort« auf die vorgeblich von der »jüdischen Weltpresse« verbreiteten Nachrichten über angebliche Greueltaten der Nazis in Deutschland, als Maßnahme, die diese Berichterstattung zum Verstummen bringen sollte. Auf die eigene Untat wurde von den Nazis die Lüge gesetzt; die Lügner bezichtigten diejenigen, die – von diesen oder jenen Übertreibungen abgesehen, ohne die es im Nachrichtengeschäft nie abgeht – Tatsachen gemeldet hatten, der Lüge. Wer erinnerte sich in diesem Moment noch des von Hitler im Februar verkündeten Programmpunktes Nr. 1 seiner Regierung »Wir wollen nicht schwindeln und nicht lügen«?

 

In Wahrheit war in diesem sich konstituierenden Nazireich schon in den ersten Wochen Grauenhaftes verübt worden, zunächst an den politischen Gegnern, die in den »SA-Lokalen« und den ersten »provisorischen« Konzentrationslagern von den Schlägern Hitlers übel traktiert und auch ermordet wurden. Das geschah mit dem Ziel, die Aktivsten unter den Gegnern des Regimes in die Illegalität zu treiben und eine jener Bedingungen herzustellen, die den Machthabern eine Politik ermöglichte, die sich im eigenen Zugriffsbereich ohne jeden öffentlichen Widerspruch durchsetzen ließ. Über die Staatsgrenzen reichten ihre Arme freilich nicht. Der »Boykott« am ersten Apriltag war dennoch ein demonstrativer Versuch, auch die Auslandspresse zum Schweigen zu bringen.

 

Nun hatten die jüdischen Deutschen mit diesen Meldungen als Informanten nichts, wohl aber als Betroffene zu tun, denn gewaltdrohende Aktionen hatten sich im März auch gegen jüdische Hochschullehrer, inszeniert von Nazistudenten, und in Gerichtsgebäuden gegen jüdische Richter und Rechtsanwälte gerichtet. Und: Es stand außerhalb der Macht der jüdischen Deutschen, die Presse jenseits der Grenzen dazu zu veranlassen, über den Terror in Deutschland zu schweigen. Doch sie wurden dennoch, und das war eine Vorübung für eine Methode, die später im Kriege von der deutschen Wehrmacht in besetzten Gebieten weithin praktiziert wurde, gleichsam in eine Art Geiselhaft genommen, d. h. bedroht und schikaniert, damit andere – dann die Widerstandskämpfer beispielsweise in Frankreich – von ihrem Kampf gegen die Eindringlinge abließen. Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, dieser frühen Aktion abzulesen, wer da an die Macht gelangt war. Doch selbst dieser geringen Anstrengung verweigerten sich zu viele.

 

Dieser »Boykott« war direkt gegen eine – zunächst noch – Minderheit der deutschen Juden gerichtet, doch er betraf indirekt alle, denn dieses Vorgehen fand seine verlogene Begründung darin, den Juden würden die »Greuelmeldungen« deshalb vergolten, weil sie verkappte Feinde der »Deutschen« und ihres »nationalen »Aufbruchs« wären und als Teil des internationalen Judentums Einfluß besäßen, den angeblich falschen Nachrichtengebern Einhalt zu gebieten. Das bedeutete, wie auch die Parolen an den Außenfronten der Geschäfte besagten, daß den Juden ihr Deutschsein abgesprochen und sie zu einer Sondergruppe erklärt wurden, denen in Deutschland nur ein Gaststatus zustände, die gleiche Rechte nicht beanspruchen könnte und gegenüber ihrem »Gastland« zu besonderer Botmäßigkeit verpflichtet wäre.

 

Nach dieser Version waren sie Teil eines in den Hirnen und der Propaganda der Naziideologen herumgeisternden »internationalen Judentums« mit eigenen, den Deutschen fremden, ja feindlichen Lebensvorstellungen, Interessen und Zielen. In Wahrheit hingegen waren die Juden in Deutschland, überwiegend verbunden zwar durch ihr Bekenntnis zum jüdischen Glauben, in einem Prozeß der Assimilation, der mehr als ein Jahrhundert zurücklag, Deutsche geworden und Deutschland zu ihrem Vater- und Mutterland. Ein anderes besaßen und wünschten sie nicht. Ihre übergroße Mehrheit war unfähig, sich ein solches auch nur vorzustellen. Ihre Sonderexistenz als eine ethnische Gruppe lag weit in ihrer Vergangenheit. Sie hatten sich nicht nur der Lebensweise der Mehrheit längst angepaßt, beherrschten und pflegten nicht nur deren Sprache (die ihrer Vorfahren hatten sie meist abgelegt und vergessen), feierten nicht nur deren Feste, sondern hatten im freilich falschen Glauben zu Tausenden auch dieses ihr Vaterland in den Jahren 1914 bis 1918 »verteidigt«.

 

Kurzum: Die Losungen »Kauft nicht bei Juden!«, »Meidet jüdische Ärzte!«, »Laßt euch in Rechtssachen nicht von jüdischen Anwälten vertreten!«, »Boykottiert die Vorlesungen jüdischer Hochschullehrer!« – alle schon ausgegeben in jener Frühphase der Diktatur – erklärten eine Minderheit von Deutschen zu Feinden der Mehrheit und bedeuteten zugleich eine Herausforderung, gerichtet an eben diese Mehrheit nichtjüdischer Deutscher. Diese hatte zu entscheiden, ob sie die Herausforderung annahm, Sie stand vor der Wahl, ob sie sich den Forderungen der Nazis unterwarf oder an die Seite der Diffamierten und Verfolgten trat. Es gibt kein Foto oder ein anderes Zeugnis öffentlichen Protestes einer Menschenmenge vor einem jüdischen Geschäft, durch den eine SA-Postengruppe zum Abzug gezwungen worden wäre. Nur Aussagen, daß Käufer, als die jüdischen Geschäfte wieder öffneten, ihr Bedauern über das Geschehene ausdrückten und, indem sie ihre Einkäufe weiter in nun zu »jüdischen« Läden erklärten Einrichtungen erledigten, ihre Sympathie bekundeten, sind überliefert. Doch die Nazis konnten die Aktion insgesamt als ihren Erfolg verbuchen, als ersten Schritt einer antijüdischen Disziplinierung der Mehrheit der Deutschen. Und das nicht mehr als zwei Monate nach dem Machtantritt.

 

Duldung durch Kabinett

Unzufrieden war freilich ein Teil der SA-Aktivisten und zwar über die Begrenzung der Aktion auf nur einen Tag. Manche von ihren hatten sich vorgestellt, es würde der Boykott sogleich mit dem Ziel der Liquidierung der Geschäfte in jüdischem Besitz betrieben werden. Dies stellten sie sich in ihren nebelhaften, dumpfen Vorstellungen als Bestandteil der »nationalsozialistischen Revolution« vor, die ihnen versprochen worden war. Indessen verbot das Interesse der »arischen« Geschäftsleute das liquidatorische Vorgehen vorerst, denn indirekt, aber durchaus spürbar hätte seine Fortsetzung Zwischenhändler und Erzeuger betroffen und Unruhe bis in das Bankwesen geschaffen, Folgen also, die auch das Regime politisch geschädigt hätte, das doch ökonomische und soziale Erfolge vorweisen mußte, wenn es sich befestigen wollte. So hatten die Posten abzuziehen und zu warten auf einen anderen Tag mit einem neuen Befehl. Der war noch unbestimmt, aber er kam.

 

Dieser erste Apriltag war ein Menetekel auch aus einem anderen Aspekt. Was auf den Straßen und Plätzen deutscher Städte geschehen war, konnte sich ereignen, ohne daß sich in der am 30. Januar 1933 gebildeten Reichsregierung, bestehend aus einer Minderheit von Nazis und einer Mehrheit von Deutschnationalen und weiteren Konservativen, dagegen ein Einspruch erhoben hätte. Die Kabinettsmitglieder erfuhren von dem Vorhaben, und Hitler unterrichtete sie davon, daß der Boykott zeitlich begrenzt bleiben würde. Das nahmen sie zur Kenntnis und hin, was sich nur als Zeichen dafür werten ließ, daß sie selbst Antisemiten waren und keine Schandtat darin erblickten, daß der Antisemitismus als Herrschaftsinstrument eingesetzt wurde. Diese Herren von erblichem oder Geldadel, angeblich angetreten, Hitler »einzurahmen«, also die Politik der Naziführer zu begrenzen, hatten das weder im Hinblick auf die Verfolgung der Kommunisten und Sozialdemokraten im Sinn, was nicht verwunderte, noch lag das in ihrer Absicht hinsichtlich der aggressiven Judenfeindschaft. Ihr »Rahmen« war von anderer Natur. Er wäre nur verlassen oder gesprengt worden, wenn sich irgend etwas ereignet hätte, was den Namen »Revolution« verdiente. Alle Befürchtungen dieser Art aber erledigten sich für sie auf schönste beruhigende Weise …

 

Wes Geistes Kinder sich in der Regierung versammelt hatten, zugleich die Behauptung als verlogen bloßstellend, die jüdischen Geschäfte wären nur aus Gründen der akuten »Abwehr« einer Verleumdung des »neuen Deutschland« veranstaltet worden, zeigte sich sechs Tage nach der Boykottaktion. Das Kabinett begann den Angriff auf die Stellung der Juden in der deutschen Gesellschaft. Es nahm das erste Reichsgesetz an, das einen antijüdischen Paragraphen enthielt, also eine Minderheit der Deutschen unter ein Ausnahmerecht stellte. Derlei hatte es im Deutschen Reich seit seiner Gründung 1871 nicht gegeben. Gesetze, die Juden benachteiligten, waren in allen deutschen Ländern im Verlauf des 19. Jahrhunderts, in den einen früher, in anderen später, aber überall vor der Reichsgründung, aufgehoben worden.

 

Faschisierung des Staatsapparats

Am 7. April, auch das eine der ersten Früchte des wenige Tage zuvor im Reichstag angenommenen Ermächtigungsgesetztes, wurde im Reichsgesetzblatt das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« veröffentlicht, das die Regierung verabschiedet hatte und die Unterschriften Hitlers, des Reichsinnenministers Wilhelm Frick und des Reichsfinanzministers Lutz Graf Schwerin von Krosigk trug. Wie andere Gesetze vor ihm war es mit einem irreführenden Titel und einer ebensolchen Einleitung versehen, die besagte, es solle das »nationale Beamtentum« wiederhergestellt und die Verwaltung vereinfacht werden. In Wahrheit ging es den Machthabern darum, aus dem gesamten Staatsapparat und allen ihm zugehörenden Einrichtungen demokratisch und republikanisch gesinnte Beamte zu entfernen und deren Plätze für Faschisten freizumachen. Die Bestimmungen trafen vom zentralen Staatsapparat bis in die Gemeinden vor allem Sozialdemokraten, Mitglieder anderer demokratischer Organisationen, wie beispielsweise Angehörige des republikanischen Richterbundes, aber auch Mitglieder der katholischen Parteien, die, unabhängig von ihrem aktuellen Verhalten, als verdächtig oder als Konkurrenz von ihren Plätzen entfernt werden sollten.

 

Im Paragraph 3 des Gesetzes hieß es dann: »Beamte, die nicht arischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen, soweit es sich um Ehrenbeamte handelt, sind sie aus dem Amtsverhältnis zu entlassen.« Diese Bestimmung richtete sich gegen niemanden sonst als gegen die deutschen jüdischer Herkunft und jüdischen Glaubens, und sie traf nicht nur jene, die im engeren Sinne in staatlichen Verwaltungen des Reichs, der Länder oder von Kommunen tätig waren. Betroffen wurden Ärzte und Pfleger an städtischen Krankenhäusern, Angestellte städtischer Apotheken, Regisseure und Schauspieler an staatlichen oder städtischen Bühnen, aber auch dort beschäftigte Handwerker, Hochschullehrer und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen, Forscher in staatlichen Anstalten, Ingenieur- und anderes Personal in Stadtwerken usw., und alsbald eben nicht nur Personen in beamteten Anstellungsverhältnissen, sondern auch viele andere. Denn es war mit diesem Paragraphen nun eine Norm vorgegeben, die ausgeweitet wurde, und natürlich fand sich niemand, der dem gewehrt hätte. Den Juden, so die Begründung, wäre in Deutschland im Staate wie in der Gesellschaft überhaupt zuviel Einfluß eingeräumt worden, der sei fremd, eben nicht »national« und müsse folglich reduziert werden.

 

Auch diese Begründung war tief verlogen. Doch entbehrte dieser Vertreibungsschritt nicht einer rationalen politischen Rechnung. Unter den jüdischen Deutschen und namentlich unter den Angehörigen der Intelligenz gab es einen besonders großen Anteil von Menschen, die alles andere als faschistenfreundlich gesinnt waren. Wie hätten sie auch nur eine Spur von Sympathie für eine Partei aufbringen können, zu deren demagogischen Parolen seit Jahren die Verleumdung gehörte: »Die Juden sind unser Unglück«, die allwöchentlich von den Seiten der gegen die Juden hetzenden Zeitung Der Stürmer prangte? Die jüdischen Deutschen waren Wähler und Sympathisanten der bürgerlich-demokratischen Parteien und Organisationen gewesen, andere hatten für die Sozialdemokratie optiert, wenige für die Kommunisten, und in beiden Arbeiterparteien hatte es Funktionäre gegeben, die jüdischer Herkunft waren. Diese letzteren waren schon in den Wochen vorher verfolgt worden wie ihre nichtjüdischen Genossen.

 

Universeller Sündenbock

Nun ging es gegen alle Juden, die mit der Republik von Weimar sympathisiert hatten, in der ihnen Betätigungsmöglichkeiten eröffnet worden waren, die es vordem im Kaiserreich nicht gegeben hatte. Den jüdischen Deutschen wurde, anders als den Nichtjuden im Staatsapparat und seinen weit verzweigten Einrichtungen, die Chance der Anpassung nicht gegeben. Sie gehörten fortan zum unentbehrlichen inneren staatlichen Feindbild. Sie hatten Schuld an allem, was »Deutschen« wirklich oder nur angedichteterweise an Unheil widerfahren war. Sie hatten Klassenkampf und jedwede Zwietracht ins Leben der Deutschen getragen. Sie waren die Urheber des »jüdischen Marxismus«. Sie hatten den universellen Sündenbock abzugeben – bis ihnen bzw. ihren Genossen im Ausland dann auch die Schuld am Kriege gegen Deutschland demagogisch angelastet wurde.

 

Diese letzten Steigerungsstufen der Verleumdung waren 1933 noch nicht erreicht. Wider den Inhalt der Naziideologie, der die Juden samt und sonders zu Feinden der Deutschen und zwar von Bluts wegen, also zu unwandelbaren Feinden, erklärte, wurden im Gesetzestext des 7. April 1933 noch Ausnahmen zugelassen. Die Forderung, die Juden zu entlassen, galt »nicht für Beamte, die bereits seit dem 1. August 1914 Beamte gewesen sind oder die im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft haben oder deren Väter oder Söhne im Weltkrieg gefallen sind«. Jeder nur halbwegs nachdenkliche Leser dieses zweiten Absatzes des »Arierparagraphen« des Gesetzes mußte sich eigentlich sagen, daß demnach das ganze Gebäude von den Juden als Deutschenfeinden grotesk und unsinnig sei. Denn wie war es möglich, daß 100000 jüdische Soldaten und Offiziere ihr Leben im Kriege auf deutscher Seite eingesetzt und 12000 von ihnen es dabei verloren hatten? Handelten sie da gegen ihr »jüdisches Blut«? Zu wenige dachten nach. Und das Nachdenken konnte zudem, erwuchsen aus ihm Folgen, zunehmend gefährlich werden. Jedenfalls begann im nazistischen staatlichen Apparat der Judenverfolgung ein widerliches Feilschen darüber, wie diese Ausnahmebestimmung zu handhaben sei und wem die Eigenschaft als »Frontkämpfer« zugebilligt werden könne. So beispielsweise ob ein jüdischer Arzt, der in einem Lazarett hinter der Frontlinie – wo sonst – Verwundete versorgt hatte, ein solcher »Frontkämpfer« sei oder nicht.

 

Wer von dieser Ausnahmebestimmung profitierte, zu diesen gehörte beispielsweise der Romanist Victor Klemperer, sah und spürte bald, daß ihm im Plan der Judenfeinde nur eine Galgenfrist eingeräumt war. Der Dresdener Hochschullehrer bemerkte, wie sich der Hörsaal, in dem er noch vortrug, unter dem Eindruck der Parole, sich nicht von »undeutschem Geist« beeinflussen zu lassen oder auch aus bloßer Furcht seiner Hörer vor Nachteilen, mehr und mehr leerte. Und ähnliche Erfahrungen machten viele der Verfolgten an ihren Arbeitsplätzen. Wie im Falle der drangsalierten jüdischen Geschäftsleute kam es auch anderswo nicht zu öffentlichen Solidarisierungen und Protesten. Chancen, sich dazu und zwar gefahrlos zu entschließen, existierten noch. Die besaßen beispielsweise die nichtjüdischen Kollegen der jüdischen Deutschen an den deutschen Universitäten und Hochschulen. Deren Rektoren und Dekane erhielten von den Ministerien Fragebögen zugeschickt, die von allen Beamten auszufüllen waren und erkennbar dem einzigen Zweck dienten, die »Juden« zu ermitteln. Dafür standen bis dahin Unterlagen im Staatsapparat nicht zur Verfügung; es war bei Volksbefragungen zwar erfaßt worden, wer welchen Glaubens war, doch die neuen Machthaber wollten die Deutschen jüdischer Herkunft ausnahmslos ermitteln, unabhängig davon, ob sie sich zur Synagoge bekannten, zum Christentum übergetreten waren oder zu den Atheisten gehörten.

 

Wenn die Senate der Universitäten oder die Räte der Fakultäten beispielsweise in Preußen dem Kultusminister diese Fragebögen auch nur mit dem Bemerken zurückgeschickt hätten, daß sie an dieser Judensuche nicht teilzunehmen gedenken, es hätte die Staatsmacht dagegen nichts setzen können. Doch die nichtjüdischen Beamten haben mitgemacht, die einen, indem sie die Erhebung organisierten, die anderen, indem sie die ihnen vorgelegten Papiere ausfüllten und also angaben, daß sie keine »Nichtarier« zum Vorfahren hätten. Ein Fragebogen, der dem Kultusminister von einem Hochschullehrer einer Universität in Preußen zuging, enthält als einzige Eintragung mit dem Namen quer über die erste Seite gesetzt: »Ich bin Jude, und das ist alles, was Sie wissen wollen.« Wie, wenn in dem Ministerium 1933 ein Paket mit Fragebögen eingegangen wäre, auf denen jeder Befragte, Jude oder Nichtjude, eben das eingetragen hätte? Denkbar? Schon, und angesichts der geistigen Befindlichkeit der deutschen Professoren des Jahres 1933 doch undenkbar. Nichtsdestoweniger ergibt die Vorstellung ein Gedankenbild, das von der Flucht in jene andere Frage wegführt, die lautet: Was hätte man tun können, als die Juden 1941 deportiert wurden? Warum wird nach Handlungsmöglichkeiten erst für diese Phase geforscht und warum nicht für den Moment der Anfänge – und das nicht nur mit dem Blick auf gebildete Leute, die doch aus Schulzeiten alle das Wort ihres berühmten Landsmannes kannten: »Das eben ist der Fluch der bösen Tat, daß sie, fortzeugend, immer Böses muß gebären.«