Kapitel eins der faschistischen Diktatur in Deutschland: die Zerschlagung der Arbeiterbewegung (Razzia in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes, 1933)
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Junge Welt, 30.01.2008 / Thema / Seite 10

 

Nützliche Legenden

Der 30. Januar 1933: Hitler in der Reichskanzlei

Kurt Pätzold

Die Fotografien des Tages sind in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern wieder und wieder gedruckt und in Ausstellungen gezeigt, die Filmaufnahmen in historische Dokumentationen montiert worden, die in Kinos und im Fernsehen zu sehen waren. Vor allem das irritierende Foto, das Hitler »eingerahmt« von Politikern des deutschen Nationalismus und Konservatismus zeigt, darunter allein vier Herren von Adel, zwischen denen sich nur zwei alte Mitkämpfer des Führers ausmachen lassen: Hermann Göring und Wilhelm Frick. Sämtlich zivil gekleidet. Kein Uniformierter unter ihnen. Der Reichswehrminister, der zwei Jahre später Reichskriegsminister heißen wird, ebenfalls ein Adelssproß, fehlt.

 

Kam so die »nationalsozialistische Revolution« daher? Das und wie ließ sich anderen Bildern, denen des Abends ablesen, als die braunen Kolonnen, siegestrunken, singend und Fackeln tragend durch das Brandenburger Tor und von dort in die Wilhelmstraße zogen, vorbei an ihrem auf sie herabgrüßenden Führer. Mit denen »da unten« würde der das Kapitel eins der Geschichte seiner Diktatur schreiben, die Vernichtung des Marxismus, die Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung gleich welcher Richtung. Das hatte er denen fest zugesagt, die ihm die für ihn so lange verschlossene Pforte zur Reichskanzlei geöffnet hatten.

 

Die Geschichte des vorletzten Januartages im Jahr 1933 soll hier nicht wieder erzählt und auch nicht an die Erwartungen, Mutmaßungen und Spekulationen erinnert werden, die an ihn geknüpft wurden. Ein Dreivierteljahrhundert nach dem Ereignis existieren nicht über seinen Verlauf, wohl aber über die Deutung des Geschehens Meinungsverschiedenheiten. Während manche Streitfragen als erledigt gelten können, haben sich andere erhalten.

 

In der Bundesrepublik dauerte es bis in die Jahre der Bundespräsidentschaft Richard von Weizsäckers (1984–1994), daß ein herausragender Politiker den Bürgern nahelegte, sie hätten, sprächen sie über den Weg Deutschlands in die Katastrophe, nicht mit dem 1. September 1939 sondern sechseinhalb Jahre vorher zu beginnen, eben mit dem Tag, an dem die Errichtung der faschistischen Diktatur begann. Eine neue Erkenntnis war das nicht. Zeitgenossen hatten das sich abzeichnende Ereignis schon als ein Desaster bewertet, bevor es eingetreten war. Aber im Westen Deutschlands besaß diese Sicht offenbar doch Neuigkeitswert, andernfalls würde der Rat aus der Rede des Staatsoberhauptes nicht derart oft zitiert worden sein. Im Osten hingegen war der Rückblick seit langem auf das Jahr 1933 fixiert und gefragt worden, was aus dem Machtantritt der Nazis für das eigene Verhalten zu schlußfolgern sei. Schon in der Phase der Anbahnung der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien diskutiert, wurde der Weg zum Machtantritt der Nazis in der antifaschistischen Umwälzung zu einem Dauerthema, lange bevor sich Geschichtswissenschaftler in die Dokumente vertieften, sie veröffentlichten und an Universitäten die ersten Lehrveranstaltungen über die Jahre der faschistischen Diktatur angekündigt wurden.

 

Kein Streit konnte über die Folgen des Ereignisses aufkommen, die waren in Deutschland und weiten Gebieten Europas in Gestalt von Massengräbern, Ruinen, verwitweten, verwaisten und verkrüppelten Menschen allgegenwärtig. Umstritten aber waren vom Tage an, da die Waffen schwiegen, vor allem zwei Fragen: Wer hat den Tag, der das definitive Ende der Weimarer Republik bezeichnet, zu verantworten? Und: Welchen Platz nimmt der unheilschwangere Tag in der deutschen Geschichte während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein?

 

Verlogene Sprachbilder …

Für die Beantwortung der zweiten waren Sprachbilder wegzuräumen, die von den Nazis hinterlassen worden waren. Zu denen gehörte die »nationalsozialistische Machtergreifung«, der »Tag der nationalen Erhebung« oder des »erwachenden Deutschland«, und in Hitlers Reden, in denen er die Legende vom Aufstieg der NSDAP erzählte, fehlte die Wendung »Als ich im Jahre 1933 die Macht übernahm« nie. Ganz ist die Überwindung der verfälschenden Kennzeichnungen bis heute nicht gelungen. Die Begriffe »Machtergreifung« und »Machtübernahme« erhielten sich in mancher Leute Gebrauch. Die Marxisten machten mit dem Begriff »Machtübergabe« früh klar, daß es an diesem Tag Gebende und Nehmende gegeben hatte. Wie stets vermag ein einziges Wort komplizierte Ereignisse nicht auszudrücken.

 

Mag im erörterten Fall Gedankenlosigkeit mitspielen, so läßt sich das von dem häufiger benutzten Begriff »nationalsozialistische Revolution« nicht sagen. Der wird in Politik und Publizistik absichtsvoll eingesetzt, wiewohl Historiker unterschiedlicher methodologischer Strömungen exakt nachgewiesen haben, daß sich in den zwölf Jahren Naziherrschaft nichts ereignete, was an die Seite gesellschaftlicher Revolutionen gestellt werden könnte. Die soziale Struktur Deutschlands unterschied sich 1945 von der des Jahres 1933 nicht einen Deut. Enteignet und vertrieben und ermordet worden waren die Juden.

 

Erhalten sich Begriffe trotz aller von der Wissenschaft erhobenen Einwände, muß gefragt werden, wer aus ihrer Weiterverwendung Nutzen zieht. Der fortdauernde Gebrauch des Revolu­tionsbegriffs für den Wandel des Jahres 1933 bringt Geschehnisse gegensätzlichen Charakters auf einen Nenner und diskreditiert derart die Gesellschaften grundstürzend verändernde Revolutionen. Und: Mit der Verwendung des Begriffs wird gleichsam beiläufig festgemacht, daß die deutschnationalen, konservativen Politiker, die um Hitler postiert sich als Reichskabinett präsentieren, ebenso wie die beteiligten Großindustriellen und Großagrarier dem tatsächlich folgenden Geschehen die Richtung nicht gegeben haben können. Sie werden ihm per definitionem weit entrückt, denn Leute dieses Typs machen doch keine Revolutionen. Sie erscheinen als die ersten aller von Hitler und seinen Mitführern Betrogenen und Hintergangenen.

 

Diese Interpretation war für den Restaura­tionsprozeß in der Bundesrepublik wichtig, notwendig insbesondere für die Rechtfertigung der Wiederverwendung eines Teils des Personals, das an Hitlers Seite tätig gewesen war. Später konnte die dreist fälschende Sicht auf die Geschichte schadlos aufgegeben werden. Sie besaß keinen politischen Tageswert mehr, die Lüge wurde nicht mehr gebraucht. Was als Fortschritt zur Wahrheit erscheint und herausgestellt wird, vollzog nur spät den Anschluß an längst Bekanntes. Dumm war ohnehin gewesen, daß gegen die Entlastung der politischen und wirtschaftlichen Eliten so viele Tatsachen sprachen, die von ihrer Mitwirkung bei der Vernichtung der Republik zeugten und bereits im Verlauf des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher und in weiteren Gerichtsverfahren der Siegermächte öffentlich gemacht worden waren.

 

… und deren Langlebigkeit

In der tonangebenden Publizistik der Bundesrepublik hat die Kennzeichnung des 30. Januar 1933 als Beginn der »nationalsozialistischen Revolution« Konkurrenz einzig in bildhaften Ausdrücken wie der »schwärzeste Tag der deutschen Geschichte« oder der Beginn ihres »dunkelsten Kapitels«. Beide leisten – absichtlich oder gedankenlos in Umlauf gesetzt – die sprachliche Vernebelung der realen Zusammenhänge auch, indem sie ins Schicksalhafte weisen. In Wahrheit bezeichnet der vorletzte Januartag 1933 den Abschluß einer Gegenrevolution, die sich seit 1919 anfänglich in dramatischen Etappen vollzog, dann schleichend und unspektakulär vorankam. In ihrem Verlauf war die Macht von Kapital und Militarismus vor dem Angriff der arbeitenden Massen gerettet und dann Zug um Zug befestigt worden. Die Republik, von Revolutionären erkämpft, war in ihrem Wesen jedoch von deren Gegnern gestaltet und so zu deren Zufluchtsort geworden. Diese haben den Ausgang der Kämpfe, die teils bewaffnet bis in das Jahr 1923 ausgetragen wurden, immer nur als ein Zwischenresultat angesehen, das ihren Zwecken und Plänen momentan diente. Zu einer perspektivischen Akzeptanz dieser Staatsorganisation kam es in den Kreisen der Herrschenden auch in den Jahren nicht, in denen sie ihre Kräfte vermehrten und bestens verdienten.

 

Das trat ab 1929 in der großen Weltwirtschaftskrise zutage, als in den Augen und Urteilen der Kapitaleigner diese Republik versagte, wiewohl deren von dem Zentrumskanzler Heinrich Brüning eingeschlagene Politik die Lasten auf die Arbeitenden und inzwischen zu Millionen Arbeitslosen abwälzte. Die Wirtschaftsführer trieben die Politiker zu immer aggressiveren antisozialen Maßnahmen vor sich her, mit denen Massennot verordnet wurde, und schufen damit unter Millionen Verelendenden oder den Absturz ins Bodenlose Fürchtenden die Grundlage für deren Ruf nach einem Erlöser. Hitler bot sich als solcher an. Und er versprach bei seinen Treffen mit den Großen der Industrie, dem im Kaiserreich geltenden Herr-im-Hause-Grundsatz vollends wieder Geltung zu verschaffen. Im Staat wie in der Wirtschaft würde das Führerprinzip uneingeschränkt durchgesetzt werden. Dieses Programm lief darauf hinaus, alle Errungenschaften der Volksschichten, die in der Novemberrevolution 1918 erkämpft worden waren, wieder abzuschaffen. Wie sonst verdient dieses Programm genannt zu werden als das von Konterrevolutionären? Es sind nicht Fakten, die es erschweren, die angemessene Bezeichnung für den 30. Januar 1933 zu finden und zu gebrauchen.

 

Von Kälbern und Metzgern

Hatte Richard von Weizsäcker den Deutschen in der Bundesrepublik angeraten, zum wirklichen Beginn des Katastrophenweges zurückzudenken, so war ihnen von einem seiner Vorgänger schon bezeichnet worden, wie sie das tun sollten. In einer ebenfalls dem Gedenken gewidmeten Rede, die in der Schloßkirche zu Bonn gehalten wurde, hatte Walter Scheel (Bundespräsident von 1974–79), so seine Unvertrautheit mit den Tatsachen der Geschichte belegend, erklärt, Hitler sei durch einen Wahlentscheid in die Reichskanzlei gelangt. Dieser – sagen wir milde – Irrtum ließ sich anhand von Zahlen leicht widerlegen. Weder die Ergebnisse der beiden Wahlgänge zur Bestimmung des Reichspräsidenten im März und April 1932 noch die beiden Reichstagwahlen vom Juli und November 1932 hatten den Führer der NSDAP an die Staatsführung bringen können. In Zahlen drückte sich der Massenanhang der Nazipartei bei diesen vier Abstimmungen so aus: Für Hitler waren bei den beiden Urnengängen zur Bestimmung des Staatsoberhaupts 11,3 und dann 13,4 Millionen Stimmen abgegeben worden. Und die NSDAP hatte zuerst 13,7 und dann 11,7 Millionen Wähler für sich mobilisiert. Für die unter dem Hakenkreuz hatten jeweils zwischen 30 und 40 Prozent der Wähler gestimmt. Diese Ergebnisse belegen, daß das Wort von den allergrößten Kälbern, die ihre Metzger selber wählen, für die Mehrheit der Deutschen nicht gilt, ihnen folglich nicht angelastet werden kann, daß dieser Führer zum Reichskanzler aufstieg.

 

Jedoch: Kälber von besagtem Format gab es unter den Deutschen genug. Ohne sie wäre Hitler eine Figur geblieben, die in Kreisen der Wirtschafts- und der Militärelite allenfalls am Rande interessiert haben würde. Diese Millionen aber reichten als Mitgift Hitlers aus, sie bildeten sein Kapital, das keine der konkurrierenden bürgerlichen Parteien auch nur annähernd vorzuweisen hatte. Mit ihm ließ sich wuchern. Es wurde Argument dafür, daß, wer solche Gefolgschaft besaß, auf den Platz des Kanzlers gehöre. Als im November 1932 Industrielle, Bankiers und andere Wirtschaftsführer Hindenburg ersuchten, sich dieser Plazierung Hitlers nicht länger zu versagen, verwiesen sie darauf, daß eine Regierung notwendig sei, die eine »ausreichende Stütze im deutschen Volk« besitzt, und eben die könne die Masse der NSDAP-Gefolgschaft stellen, die als die »größte nationale Gruppe« bezeichnet wurde.

 

Vor diesem Kalkül entfällt das von Millionen nach 1945 beanspruchte Entlastungsargument, sie hätten Hitler »nur gewählt«. Die Mitglieder, Sympathisanten und Wähler der NSDAP spielten auf Hitlers Weg an das Staatsruder eine unverzichtbare Rolle. Gewiß wurden sie belogen und betrogen und in den Reihen der SA und sonst als Aktivisten für die Parteizwecke auch ausgebeutet. Doch gehört diese Kälbermasse deswegen nicht geradewegs in die Kategorie der Opfer. Selbst ein Analphabet, der nur die Haßgesänge dieser braunen Kolonnen gehört hätte, mußte an dieser Bewegung genug Widerwärtiges finden, um sich zumindest von ihr abzuwenden. Daß sich Millionen im Gegenteil davon anziehen ließen, bestätigte ihre meist auf Vorprägungen zurückgehende Empfänglichkeit für reaktionäre, zutiefst antihumane Dogmen und Parolen. Diese und nicht schlichte Gutgläubigkeit, die auch im Spiele war, aber auf die sich die Parteinahme nicht reduzieren läßt, machten aus Millionen Instrumente der faschistischen Führer, lange bevor auch sie zu deren Opfern wurden.

 

Die erfundene Revolutionsdrohung

Jedoch: Hitlers Einzug in die Reichskanzlei war nicht Folge eines Wahlergebnisses, sondern das Ergebnis einer feingesponnenen Intrige von Politikern, Wirtschaftsführern und Militärs (siehe jW-Thema vom 4.1.2008). Die an ihr beteiligt waren und deren Namen nach dem Krieg auch anhand von Dokumenten bekannt wurden, suchten nach 1945 Ausflüchte, die ihr Verhalten erklären und zugleich als normal erscheinen lassen sollten. Ihr Hauptargument lautete: Um ihre revolutionsbedrohte Macht zu behaupten, hätten sie sich zu Hitler geflüchtet. Das war auf das Verständnis ihrer internationalen Klassengenossen berechnet, denn welchen Bourgeois würde in ähnlicher Lage nicht die gleichen Sorge umgetrieben haben, welcher hätte nicht auch nach Vorsorge und Abhilfe Ausschau gehalten? Hitler erschien als ein Zugriff aus Not, Verlegenheit und Alternativlosigkeit. Seine Favorisierung hatte, so die Darstellung, jedenfalls mit seinen kriegerischen Absichten nichts zu tun.

 

Diese Deutung schob die letzte Schuld für das Entstehen der Nazidiktatur den Kommunisten zu. Ohne ihren bedenklich wachsenden Einfluß, ohne ihr Programm »Sowjetdeutschland« kein Hitler in der Wilhelmstraße. Und sie war in der – nun wirklichen – Notsituation des Jahres 1945 auch vorzüglich einzusetzen, um die eigene Haut und Existenz zu retten. Beihilfe zur Beseitigung einer Republik ergab im internationalen Recht keinen Straftatbestand, ausgenommen, sie wäre mit dem Ziel erfolgt, die inneren Voraussetzungen für einen Angriffskrieg zu schaffen. Diesen Nachweis hat kein Gericht erbringen können. In den Verhandlungen und während der Treffen in der Endphase der Weimarer Republik hatte Hitlers innenpolitisches Konzept und insonderheit die zu erwartende Wirtschaftspolitik der »Nationalsozialisten« auf der Agenda gestanden. Davon, dem Nächstliegenden, sprachen die Dokumente im Beutegut der Alliierten.

 

Nun war die herannahende »bolschewistische Revolution« ein Phantasieprodukt, ein nachträgliches der Helfer Hitlers und ein zeitgenössisches mancher Kommunisten, die mit dem Elend der Massen und der zeitweiligen Ratlosigkeit und Zerstrittenheit der Herrschenden ihre Stunde kommen sahen. Dabei diente das Zerrbild, das von den Antrieben für die Unterstützung der NSDAP und ihrer Führer gegeben wurde, nicht nur der Abwehr juristischer Anklagen, sondern mehr noch historisch-politischer Attacken, aus denen politische Folgen drohten. Wer Hitler in den Sattel geholfen, zu den Totengräbern eines bürgerlich-demokratischen Staatswesens zählte, galt 1945 im Verständnis vieler – keineswegs nur der Linken – als ungeeignet, gesellschaftliche Macht zu behaupten oder zu erhalten. Das erklärt den Aufwand und die Gerissenheit, mit dem die Abwehr aller Anklagen betrieben wurde.

 

Hilflose Rettungsversuche

Heute ist der Streit über die Rolle der Eliten der Weimarer Republik in deren letzten Jahren nahezu verstummt. Daß unter den Exponenten von Wirtschaft, Politik, Militär und auch im Geistesleben wehrhafte Republikaner nur mit der Lupe aufgefunden werden können, ist unbestritten. Doch wird die Durchmusterung der Handelnden hochgradig personalisiert und personifiziert. Hjalmar Schacht, der Baron Kurt von Schröder und einige weitere Figuren, die Hitler die letzte Wegstrecke vom Parteiführer zum Staatsmann ebnen halfen, sind im Grunde preisgegeben, denn an deren politischen Biographien war nichts mehr zu retten. Dieses Rettungswerk konzentriert sich statt dessen auf die soziale Schicht der Großbourgeoise und ist da nicht ohne Erfolg vorangebracht worden. Denn diese hat in toto niemals ein Papier zugunsten Hitlers verfaßt, nie eine gemeinsame Initiative ergriffen, die sie bloßstellen würde. Die Parteinahme für die Faschisten und ihren Führer erscheint in dieser auf einzelne gerichteten Betrachtung als Folge individueller Überzeugung und Urteilsbildung, von Vorlieben und Geschmack, die sie auch war oder gewesen sein mochte. Jedoch, und darum geht es, bleibt verborgen, daß sie Ausfluß ins Politische übersetzter wirtschaftlicher Interessen einer Gruppe von Ausbeutern war.

 

Seit Jahren wird zudem an dem Nachweis gearbeitet, daß die Mehrheit einflußreicher deutscher Bourgeois und Agrarier in der Schlußphase der Republik nicht auf Hitler und dessen Partei, sondern auf die Deutschnationale Volkspartei ­(DNVP) gesetzt hätte. Dieser Partei habe insbesondere vor den Novemberwahlen 1932 die finanzielle und propagandistische Unterstützung aus Kreisen des Kapitals und des Grundbesitzes gegolten und zwar in weit größerer Zahl, als Förderer Hitlers existiert hätten. Das dem Verteidigungszweck bestimmte Argument, an dessen Stützung vor allem der US-amerikanische Historiker Henry Ashby Tuner jun. gearbeitet hat, ist eher blamabel. Denn gemeinsam mit eben dieser Deutschnationalen Partei haben die Nazis der Republik doch das flackernde Lebenslicht ausgeblasen. Hitler – Reichskanzler, Franz von Papen – Vizekanzler, Alfred Hugenberg, der DNVP-Vorsitzende – Wirtschaftsdiktator: Diese Koali­tion zweier Parteien und diese Kombination ihrer Führer hat den Prozeß, in dem das diktatorische Regime errichtet wurde, einträchtig gesteuert, Arbeiterparteien und freie Gewerkschaften illegalisiert, den Reichstag und alle parlamentarischen Körperschaften des Staates ausgeschaltet, die ersten judenfeindlichen Gesetze erlassen, demokratische Intellektuelle aus ihren Ämtern und ins Exil getrieben. Die Aufrichtung des verbrecherischen Regimes war eine Gemeinschaftsarbeit der braunen und schwarz-weiß-roten Faschisten.

 

Das Argument, man habe sich »nur« für die Deutschnationalen eingesetzt, richtet sich so selbst. Es bestätigt nur, welchen Charakter das Verhältnis dieser sozialen Oberschicht zu Republik und Demokratie besaß, und steht als Beweis dafür, daß ihre Beziehung zu staatlicher Verfaßtheit von ganz pragmatischer Natur war. Merke: Schwüre auf Demokratie, Freiheit und Menschenwürde sind aus derlei Mündern nicht nur mit Skepsis aufzunehmen. Sie können erfahrungsgemäß als Heuchelei gewertet werden.