16.04.2005 / Feuilleton / Seite 12

Zum Inhalt dieser Ausgabe |


Verwegen wirken

Benjamins Tigersprung: Geschichte des Linksradikalismus – kurzer Lehrgang (23). Most radical chic und sonst nix: Die deutschen Antinationalen

Von Walter Hanser

Marx war antinational. Kommunismus, so hielt Marx in der »Deutschen Ideologie« fest, sei nur als »Tat der herrschenden Völker ›auf einmal‹ und gleichzeitig möglich«. Denn das Proletariat könne nur »weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als ›weltgeschichtliche‹ Existenz überhaupt vorhanden sein kann«. Das war schon immer starker Tobak, vor allem für diejenigen, die den »Sozialismus in einem Land« als Vorläufer des Kommunismus ausrufen wollten. Allerdings war Marx kein »Antinationaler«, wie sich ein Typus deutscher Linker in den frühen 90ern des 20. Jahrhunderts bezeichnete. Marx ging es um das Proletariat als weltweite Größe und um die Aufhebung der zwar national organisierten Ausbeutung, die aber global über den Weltmarkt vermittelt ist. Den »Antinationalen« ging es um »Kein 4. Reich«, um Antirassismus, um »Etwas-Besseres-als-die-Nation«. Sie waren gegen »Mob« und »Pöbel«.

Gegen »Mob« und »Pöbel«

 

Die frühen Neunziger waren, man darf das nicht vergessen, auch eine schreckliche Zeit voller Rassismus, Pogrome und der De-facto-Abschaffung des Asylrechts in der BRD, die sich zuvor die zusammengebrochene DDR einverleibt hatte und dort wie eine Kolonialmacht agierte. In bürgerlichen Diskursen wurde die in den Achtzigern übliche Rede von der »Gesellschaft« wahlweise durch »Volk« oder »Nation« ersetzt und nach der »neuen Rolle« gefahndet, die das »wiedervereinigte« Deutschland nun zu spielen habe, da es nach dem Abzug der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges »souverän« geworden sei.

 

Damals wurden die ersten Fliesen gelegt, auf denen die heutigen Antideutschen so stolz umherwackeln. Von einem wollte man nämlich bereits damals gar nichts mehr hören: von der Herrschaft des Kapitals, der Ausbeutung und von den ihr unterliegenden Arbeiterinnen und Arbeitern. Als die Antinats vom Proletariat Abschied nahmen – bzw. noch nicht mal etwas hören wollten –, blieb nur noch der Antinationalismus des Kapitals übrig. Daß die Bewegung des sich verwertenden Werts global und grenzenlos ist, wußten schon Marx und Engels im Kommunistischen Manifest. Nur vor dem Hintergrund der Annahme, daß aufgrund der Entwicklung der Produktivkräfte das Proletariat sich vereinheitlichen und seine bislang ihm entfremdete Macht entdecken könnte, verneigte sich Marx vor der Kraft des Kapitals, die alles Ständische und Begrenzte zu zersetzen imstande ist. Doch die Antinationalen strichen flugs diese revolutionstheoretische Annahme von Marx aus dessen Geschichtsinterpretation heraus und priesen am Ende nur noch die Globalität des Marktes, auf der jeder jenseits nationaler Beschränktheiten Individuen sein könne. Daß diese Individuen ganz unterschiedliche sind und über ihre Klassenzugehörigkeit radikal voneinander geschiedene Möglichkeiten der Reproduktion haben, ging im idealistischen Rausch einfach unter. Schließlich sind die sich materialistisch Wähnenden die schlimmsten Existentialisten: Alles ist für sie eine Frage der Wahl.

Macht der Räte vergessen

 

Die eingangs erwähnte Marxsche Definition von Revolution wurde am orthodoxesten sowohl im Links- und Rätekommunismus wie im Situationismus verinnerlicht und propagiert. Es ging den Vertretern dieser praktischen Revolutionstheorien um die weltweite Arbeiterrevolution, um die globale Rätemacht. Innerhalb dieser Strömungen wurde der Leninismus, der die nationale Befreiung unterdrückter Völker anvisierte, als bürgerliche Ideologie einer nachholenden Modernisierung bekämpft. Der ein oder andere Antinationale sah hier einen willkommenen Anknüpfungspunkt. Einige ältere Semester konnten schnell ihre mao-stalinistische Vergangenheit vergessen machen, indem sie sich als »linkskommunistischen Arbeitskreis« bezeichneten. Doch zwischen dem sich aus der antinationalen Richtung dogmatisch entwickelndem Antideutschtum und dem Kommunismus gibt es nur ein Verhältnis: ein antagonistisches. So müssen die heutigen Pseudokritiker auch früher oder später Farbe bekennen. In einer beim Freiburger ça-ira-Verlag erschienen Schrift des Rätekommunisten Willi Huhn wird folgerichtig auch der gegen jeden Nationalismus, also auch den Zionismus, gerichtete Rätekommunismus in einem distanzierenden Nachwort des antideutschen Herausgebers als »Avantgarde des Antisemitismus« denunziert.

 

Andere Anideutsche unternehmen den Versuch, den Situationismus auf Israel-Solidarität zu verpflichten, obwohl die Situationisten in den 60ern eine vollkommen andere Optik hatten: »Allein eine entschlossene internationalistische und antistaatliche, revolutionäre arabische Bewegung kann gleichzeitig den israelischen Staat auflösen und die von ihm ausgebeuteten Massen für sich gewinnen. Sie allein kann durch denselben Prozeß alle bestehenden arabischen Staaten auflösen und die arabische Einigung durch die Macht der Räte errichten.« Was können Antideutsche schon mit solchen Zeilen anfangen?

Ideologie verstorben

 

Als historisch spezifische Revolutionstheorie und radikale Kritik, die sich beide auf den Klassenkampf beziehen, soll der Linksradikalismus durch die Antideutschen im Adaptionsverfahren liquidiert werden. Übrig bleibt ein von jeglicher Konsistenz und Radikalität entkleideter Modeartikel, der sich zur Ausstattung einer Identitätspolitik eignet, die den Habitus des most radical chic hervorbringt. Kritisierten die Parteikommunisten den Linksradikalismus oft in denunziatorischer Absicht als »Bürgersöhnchenideologie«, so machen die Antinationalen aus ihm genau das. Von den Situationisten übernimmt man das, was am wenigsten kommunistisch war, nämlich das Sektierertum, das in einer autoritären Politik des Ausschlusses und in persönlichen Beleidigungen zu sich selbst kommt. Trennt man den Situationismus vom Klassenkampf, so wird daraus eine Studentenideologie als elitäre Antihaltung, die man sich lediglich in der Phase der Adoleszenz leisten kann. Genau das kritisierten die Altsituationisten aber auch an den bereits in den frühen 70ern auftauchenden studentischen Pro-Situs, da diese »in der S.I. [Situationistische Internationale] nicht eine bestimmte kritisch-praktische Aktivität gesehen [haben], die die sozialen Kämpfe einer Epoche erklären kann oder ihnen vorausgingen, sondern bloß eine extremistische Idee«, mit der man sich schmücken könne, um verwegen zu wirken. So sei die ursprünglich revolutionäre Theorie zu einer toten Ideologie gemacht werden.

 

Wer »Biene Baumeister Zwi Negators« unlängst erschienene Aneignung der »Situationistischen Revolutionstheorie« liest, bekommt einen guten Eindruck, wer die Pro-Situs von heute sind. Es geht nicht mehr um die radikale Untersuchung der Wirklichkeit, sondern um extremistische Selbstüberbietung bei der ausufernden Identitätspolitik. Diese Adaption macht es auch einigen ehemaligen Antideutschen möglich, sich als frischgebackende »Kommunisten« neu zu definieren. Immerhin ein Fortschritt, mögen einige denken, aber solche »Kommunisten« können denjenigen, die an einer radikalen Aufhebung des Bestehenden ein Interesse haben und darauf hinwirken, gestohlen bleiben.