29.07.2006 / Wochenendbeilage / Seite 3 (Beilage)

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Der Schwarze Kanal. Deutsche Antideutsche

Von Werner Pirker

Aus dem Verdacht wurde Gewißheit: Die »Antideutschen« sind auch bloß Deutsche. Als solche wollen sie natürlich nicht irgendwelche Deutschen sein, sondern zur Elite der Nation aufschließen. Und das scheint ihnen irgendwie auch gelungen zu sein. Sie haben den gegenwärtigen Mainstream-Diskurs maßgeblich vorformuliert. Wenn heute ein CDU-Politiker das Bekenntnis zum Existenzrecht Israels zur Vorbedingung für die Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft machen will, dann sind die Früchte jahrelanger antideutscher Aufklärungsarbeit nicht mehr zu übersehen. Dann sind aus Antideutschen die besten Deutschen geworden. Oder aber auch: Dann haben sich die Antideutschen selbst überflüssig gemacht. Doch ist es gerade ihre neue Existenzform, die sie zur Höchstform auflaufen läßt. Als Blockwarte der politisch korrekten Meinungsdiktatur.

 

»Israel führt einen gerechten Krieg«, schreibt Matthias Küntzel, ein Kämpfer der ersten Stunde gegen das »Vierte Reich« in Spiegel online. »Deutschland und die EU sollten sich unzweideutig auf Israels Seite positionieren.«

 

Wer hätte einst gedacht, daß die hirnlose Losung »Nie wieder Deutschland!« zum nationalen Schulterschluß aller zivilisierten Deutschen – der Mob, das heißt die breiten Massen, natürlich ausgenommen – führen würde? Daß die Antideutschen maßgeblich an der Neubestimmung der deutschen Werte, die sie natürlich als westliche und damit als universelle verstanden wissen wollen, beteiligt sein würden? Daß es ausgerechnet das »Vierte Reich« sein würde, das antideutsche deutsche Karrieren befördert?

 

Dabei war das alles vorhersehbar. Denn die sich da als die deutsche »Negation der deutschen Nation« dünkten und sich Israel als staatlichen Ausdruck des universellen Antideutschen zurechtdachten, waren in der Hauptsache immer die Deutschesten unter den Deutschen. In der Abwälzung der Sühneleistung für deutsche Schuld auf die Palästinenser. Da erscheint der Holocaust plötzlich nicht mehr als singuläres, deutschem Unwesen geschuldetes Ereignis, sondern droht sich als arabisch-islamistischer Vernichtungsfeldzug gegen die Moderne jederzeit zu wiederholen. Diese Bedrohung abzuwehren, heißt es, ergebe sich als Verpflichtung gegenüber der deutschen Geschichte. Die neue Rechtfertigungsideologie des deutschen Imperialismus war im Krieg gegen Jugoslawien gerade auch von den Antideutschen als perfide Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle – die Niederwerfung Serbiens als antifaschistische Vergangenheitsbewältigung – demaskiert worden. Nun aber gebietet es das »antifaschistische Gewissen« der Helden der »kritischen Theorie«, zum großen Krieg gegen die Unterprivilegierten zu trommeln und Deutschlands Verpflichtung gegenüber seiner Geschichte nachdrücklich zu betonen.

 

Der öffentlichen Meinung in Deutschland »Äquidistanz« und damit Parteinahme für die »islamofaschistischen Aggressoren« vorwerfend, gibt der von der Bahamas-Kreisliga in die Kommentatoren-Bundesliga aufgestiegene Mat­thias Küntzel der Meinung der deutschen Kriegspartei Ausdruck. Mitten aus der neudeutschen Wertegemeinschaft heraus schreibt er: »Der Islamismus will nicht Israels Politik verändern, sondern dessen Existenz zerstören. Doch erneut geht die Ambition des Islamismus über das erklärte Ziel weit hinaus: Für Teheran ist auch der Nahostkonflikt nicht die Ursache, sondern lediglich ein Ansatzpunkt, um mit dem Westen und dessen säkularer Orientierung insgesamt aufzuräumen«. Das Abendland wäre wohl schon untergegangen, hätte es nicht in Israel seinen rettenden Anker gefunden.

 

Untergegangen an Verweichlichung und an jenem pazifistischen Impuls, der die Losung »Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!« in ein feiges »Nie wieder Krieg gegen Faschismus!« verkehrte. Und so wie die Antideutschen seit jeher den Faschismus als »völkisches« und nicht als Eliteprojekt zu verdammen wußten, sehen sie nun die Ursache für den selbstzerstörerischen Pazifismus in den niedrigen Instinkten der Massen. »Drei Viertel der Bundesbürger«, beklagt Küntzel, hielten »Israels Verteidigung« für »gänzlich unangemessen«. Woraus sich wohl schließen läßt, daß der Pazifismus, die mangelnde deutsche Verteidigungsbereitschaft für Israel, die Fortsetzung des deutschen Antisemitismus mit friedlichen Mitteln, aber nicht minder verheerenden Konsequenzen sei. Aber solange es wehrhafte Antifaschisten wie Matthias Küntzel und Angela Merkel gibt, sind Israel und das an seiner Seite positionierte Deutschland nicht verloren.