01.03.2005 / Ansichten / Seite 2

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»›Antideutsche‹ kennen keine Argumente«

Scheinlinke im Mainstream. Keine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ursachen des Faschismus. Ein Gespräch mit Wolfgang Dreßen*

Interview: Peter Wolter

* Wolfgang Dreßen ist Professor an der Fachhochschule Düsseldorf und leitet dort den Forschungsschwerpunkt Neonazismus

 

F: Sie werden von den sogenannten Antideutschen als Antizionist beschimpft. Was ist das eigentlich?

 

Ich weiß nicht, was die meinen. Wahrscheinlich ist es ein Ausweichmanöver, weil sie keinen Ansatzpunkt finden, mir Antisemitismus vorzuwerfen. Ich wurde zum ersten Mal vor zwei Jahren zur Zielscheibe, als ich eine kulturgeschichtliche Ausstellung in Aachen als Mitkurator zu verantworten hatte. Auf der Homepage zu dieser Ausstellung hatten wir Links zu christlichen, atheistischen, jüdischen und muslimischen Seiten aufgeführt. Darunter war auch der Link zum »muslim market« – der gab den Anlaß zu einer Kampagne gegen die Ausstellung. Die NRW-Landesregierung knickte sofort ein und drohte mit Entzug der Fördermittel, falls wir diesen Link nicht entfernen. Daraufhin haben wir die gesamte Linkseite aus dem Netz genommen.

 

F: Sind Antizionismus und Antisemitismus nicht zwei verschiedene Paar Schuhe? Der größte Teil des jüdischen Bürgertums in Deutschland war vor dem Ersten Weltkrieg immerhin gegen den Zionismus.

 

Auch die jüdische Arbeiterbewegung war dagegen – z.B. der jiddisch-sprachige »Bund«, der in Osteuropa sehr stark war. Und was sollte eine Jüdin wie Rosa Luxemburg mit dem Zionismus zu schaffen haben?

Es gibt drei Möglichkeiten, sich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen. Die erste ist der Versuch der Assimilation der Juden – der ist in Europa gescheitert. Die zweite ist die Erforschung der gesellschaftlichen Ursachen des Antisemitismus und der politische Kampf dagegen – den haben u.a. die jüdische Arbeiterbewegung und Rosa Luxemburg geführt. Die dritte Möglichkeit: Eine Assimilation, aber außerhalb der antisemitischen Gesellschaften, zu erreichen. Das ist mit Gründung Israels geschehen.

Den wirklichen Antisemiten hilft es, daß die Antideutschen Israel vielfach nur als Block wahrnehmen. Es gibt ja in Israel eine breite linke Bewegung und eine starke Friedensbewegung. Darüber hört man von den Antideutschen überhaupt nichts. Man braucht nur die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung zu kritisieren und setzt sich gleich dem Vorwurf aus, man sei antizionistisch. Und daraus wird dann schnell Antisemitismus gemacht.

 

F: Antideutsche hatten angekündigt, eine Nahost-Veranstaltung in Düsseldorf zu stören, an der Sie am Sonntag teilnahmen. Per Internet hatten sie auch zum Telefonterror gegen die Organisatorin aufgerufen. Wie verlief die Veranstaltung?

 

Es war eine spannende Diskussion mit vielen Facetten. Antideutsche waren auch da, es war aber eher wie im Kindergarten – sie schrien ständig dazwischen.

 

F: Wer sind diese Antideutschen? Bürgersöhnchen, die zwei Semester lang radikal sein wollen, oder verkappte Rassisten, die das Feindbild »Jude« gegen das Feindbild »Moslem« ausgetauscht haben?

 

Man findet im Antiislamismus viele antisemitische Sterotype wieder – das geht bis in Karikaturen hinein. Das Phänomen der antideutschen Bewegung tauchte im Grunde erst mit Beginn der rot-grünen Bundesregierung auf. Auschwitz wurde zum unfaßbaren Bösen erklärt – ohne politische und gesellschaftliche Erklärung. Dieses Denkmodell wurde inzwischen weltweit übernommen. Auch die Bombardierung Bagdads wird als antifaschistische Tat verkauft.

 

F: Bezieht sich das auch auf Äußerungen von Außenminister Joseph Fischer, der den Jugoslawien-Krieg damit rechtfertigte, es müsse ein neues Auschwitz verhindert werden? Im Grunde bewegt er sich auf derselben Argumentationslinie wie die Neonazis, die die Bombardierung Dresdens vor 60 Jahren mit Auschwitz in Verbindung bringen.

 

Fischers Äußerungen sind eine Verharmlosung der Naziverbrechen, im Grunde könnte man strafrechtlich dagegen vorgehen. Mit diesem Menschrechtsimperialismus der Bundesregierung stimmen die Antideutschen voll überein. Sie waren für den Krieg gegen Jugoslawien, sie waren auch für den Krieg gegen den Irak. Sie schwimmen mit im Mainstream und gebärden sich als Linke.