6. Fazit und Ausblick

6.1. Fazit

Ziel dieser Arbeit war, rückblickend zu beleuchten, wie mit den Antideutschen eine sich kommunistisch nennende Linke entstehen konnte, die nahezu alle Essentials der kommunistischen Bewegung und der Linken, wie den positiven Bezug auf die Arbeiterklasse, den Antiimperialismus, den Antikapitalismus und den Antirassismus[341] hinter sich gelassen hat und zu einer tief greifenden Zersplitterung der außerparlamentarischen Linken geführt hat. Die Geschichte dieser Linken ist eine Geschichte der Abspaltungen. Die zentralen Streitpunkte für die Entwicklung der antideutschen Bewegung waren die Bewertung der deutschen Vergangenheit und damit die Auseinandersetzung mit Antisemitismus und Israel als dem Staat der Überlebenden des Holocaust. In anderen Ländern ist eine ähnliche Bewegung wie die Antideutschen nicht existent und wohl auch nicht denkbar.

Die Wiedervereinigung war das Schlüsselereignis für eine durch den Zusammenbruch des so genannten real existierenden Sozialismus orientierungslos gewordene Linke. Ein großer Teil der Linken befürchtete, dass ein „Viertes Reich“ entstehen könne, sobald Deutschland seiner durch die Alliierten angelegten Fesseln beraubt würde. Die „Nie-Wieder-Deutschland“-Kampagne war auch der Anstoß für die folgende Hinterfragung linker Grundüberzeugungen. Vorläufer für ein solches Denken gab es, wie gezeigt, bereits in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Auch ist es kein Zufall, dass die meisten Wortführer, der sich unter der Bezeichnung „antideutsch“ oder „antinational“ bildenden Bewegung, aus dem KB kamen, dessen Sonderrolle unter den K-Gruppen dargestellt wurde. Mit der relativ frühen Abwendung von der Arbeiterklasse und der pessimistischen Faschisierungsthese waren hier auch Grundlagen für die Abkehr der Antideutschen von gestaltender Politik gelegt worden.

Während der „Nie-wieder-Deutschland“-Kampagne waren Israel und der Antisemitismus innerhalb der Linken noch kein Thema. In diesem Zusammenhang bildete der Golfkrieg von 1991 gleich eine doppelte Zäsur. In den Debatten um den Golfkrieg spaltete sich die neue Bewegung sofort, und es bildete sich eine Position, die bisher für eine radikale Linke nicht vorstellbar gewesen wäre: Die Unterstützung des Kriegs gegen den Irak durch die USA und ihre Verbündeten. Begründet wurde diese Haltung mit der Bedrohung Israels durch irakisches, mit deutscher Hilfe produziertes, Giftgas. Diese Position konnte zwar auch innerhalb der damaligen antideutschen und antinationalen Linken keine Mehrheit finden, aber ihre Bedeutung kann als immens beurteilt werden. Sie bildete das Analyseraster, das für alle kommenden Debatten und Konflikte wieder angewandt wurde: die Analogiebildung zu den Frontstellungen des Zweiten Weltkriegs.[342]

 Der positive Bezug auf die USA als Gegner des Nationalsozialismus konnte sich bis 1995 in der antideutschen Linken durchsetzen. Als in diesem Jahr der fünfzigste Jahrestag der Bombardierung Dresdens und der Kapitulation der Wehrmacht anstand, glorifizierten die Antideutschen die Rolle der Alliierten und rechtfertigten auch die Bombardierung der Zivilbevölkerung. Zuvor hatte die Zerstörung Dresdens auch innerhalb der Linken als Kriegsverbrechen gegolten und gehörte zu den üblichen Aufzählungen amerikanischer Verbrechen. Es wurde gezeigt, wie damit für die Antideutschen und Antinationalen jeder positive Bezug auf die Arbeiterklasse unmöglich geworden war, da in ihrer Analyse auch diese das Dritte Reich bis zuletzt unterstützt hatte. Die Konsequenz der Auseinandersetzung um diese Frage war, dass sich die Autonomen von den Antideutschen entfernten, da erstere sich nicht von ihrem Massenansatz lösen wollten.

Die wissenschaftliche Grundlage für die behauptete Verstrickung eines Großteils der Deutschen in die Verbrechen des Nationalsozialismus und die deshalb nötige Abkehr vom traditionellen Marxismus fanden die Antideutschen 1996 mit der Veröffentlichung von Goldhagens Studie „Hitlers willige Vollstrecker“, der den Holocaust als das entscheidende Merkmal des Nationalsozialismus betrachtete und die Ursache im Antisemitismus der Deutschen begründet sah. Als Ergebnis der darauf folgenden Debatte um das Wesen des Holocaust und dessen Bedeutung für die Antideutschen, spaltete sich ein diskurstheoretisch argumentierender Flügel ab. Damit hatte sich die Wertkritik als die dominierende Theorie der Antideutschen durchgesetzt. In einem Exkurs wurde gezeigt, wie die Wertkritik eine weitere theoretische Grundlage für die Abkehr von traditionellen marxistischen Ansätzen, wie dem Antiimperialismus, lieferte.[343]

Der Kosovo-Krieg führte 1999 zu einer weiteren Spaltung. Die Kriegsbegründung der rot-grünen Bundesregierung, die mit der deutschen Vergangenheit argumentierte, bereitete der antideutschen und antinationalen Position Probleme. Waren bisher bislang beide Bezeichnungen nahezu synonym verwandt worden, trennten sie sich jetzt an der Frage des serbischen Nationalismus. Die Antideutschen forderten bedingungslose Solidarität mit Milosevic, während die Antinationalen auch die nationalistische Politik Serbiens kritisierten. In der Arbeit wurde herausgearbeitet, wie auch in dieser Auseinandersetzung, parallel zum Golfkrieg, das Raster des Zweiten Weltkriegs angelegt wurde, um die eigene Position zu bestimmen: Die Deutschen kämpften mit ihren ehemaligen Verbündeten den Kosovo-Albanern wieder gegen Jugoslawien, die Opfer von einst. Dazu musste eine eigenständige interessegeleitete Rolle der USA im Kosovo-Krieg negiert werden. In vielen antideutschen Analysen wurde daher behauptet, die die USA wären von Deutschland in den Krieg hineingezogen worden.

Erst mit dem 11. September rückte für die Antideutschen Israel endgültig in den Mittelpunkt. Sie ordneten den Anschlag als antisemitisch und gegen Israel gerichtet ein. Hiermit verschärfte sich die Debatte um den arabischen Antisemitismus, die schon mit der so genannten Al-Aksa-Intifada und der Eskalation im Nahost-Konflikt begonnen hatte. Die Antideutschen forderten unbedingte Solidarität mit Israel und den USA und forderten die USA erstmals sogar zu Militärschlägen auf und kritisierten sie dafür, dass diese nicht konsequent genug ausfielen. Die Kriege gegen den Irak und Afghanistan seien zum Schutz Israels notwendig.[344] Es wurde gezeigt, wie sich der Schwerpunkt auf die Kritik des Islamismus und des arabischen Antisemitismus, der ähnlich bedrohlich wie der deutsche eingeschätzt wurde, verlagerte. In der Konsequenz wurde der Islamismus als neuer Faschismus eingestuft. Im Irak-Krieg zeigte sich ein weiteres Mal die Analogiebildung zum Zweiten Weltkrieg: Bushs „Koalition der Willigen“ wurde mit den Alliierten identifiziert, der Irak als „Frontstaat der islamischen Welt“[345] mit dem Dritten Reich.

Auch in der Organisierung gab es Veränderungen: Waren die Antideutschen zunächst nur eine publizistische Größe gewesen, bildeten sich nach dem 11. September und den sich häufenden Selbstmordattentaten in Israel in den meisten deutschen Städten antideutsche Gruppen, die sich zumeist an der „Bahamas“ orientierten. Dennoch konnte ihr Einfluss auf die Linke im Verhältnis zu ihrer personellen Größe als ungewöhnlich groß eingeschätzt werden.[346] Viele linke Gruppen spalteten sich an der Auseinandersetzung um Israel und den Antisemitismus. Gegendemonstrationen zu linken Veranstaltungen wurden üblich, und auch tätliche Angriffe zwischen Angehörigen verfeindeter Gruppen sind keine Seltenheit mehr.[347] 

6.2. Ausblick

Die Richtung, in die die antideutsche Linke sich entwickelt, ist derzeit noch nicht sicher vorherzusagen. Es hat den Anschein, dass sie den Höhepunkt ihres Einflusses auf die Linke bereits erreicht hat. Hatten die Antideutschen zeitweilig Erfolge zu verzeichnen, wie die Sensibilisierung der Linken für das Thema Antisemitismus, ist für die Zukunft eher ein gegenläufiger Trend zu erwarten, da die Antideutschen in großen Teilen der Linken mittlerweile als nach rechts gewendet angesehen werden. Das hat auf der anderen Seite auch zu einer Renaissance antizionistischer und antiamerikanischer Positionen geführt. Auch eine Reihe von proisraelischen Linken hat sich bereits von den Antideutschen abgewandt, die inzwischen nur noch mit „Bahamas“ identifiziert werden.[348] Diese kritisieren die inflationäre Verwendung des Begriffs Antisemitismus.[349] Andere werfen der „Bahamas“ vor, mit ihrem Bekenntnis zur westlichen Zivilisation und der Konzentration auf den Islamismus als Hauptfeind antideutsche Positionen aufgegeben zu haben.[350]

Der Vorwurf, sie begäben sich auf den Weg zurück in die bürgerliche Wertegemeischaft, wird den Antideutschen schon seit ihren Anfängen gemacht. Für Teile der Antideutschen scheint dies mittlerweile eine wahrscheinliche Entwicklung zu sein. Sie publizieren bereits in konservativen Zeitungen wie der „Welt“.[351] Die „Welt“ wurde auch von der „Bahamas“-Redaktion mit Lobeshymnen überschüttet: „umso bewundernswerter ist […] das, was Redakteure wie etwa Mariam Lau und Alan Posener in der „Welt“ leisten – deren Artikel werden aber regelmäßig immer noch übertroffen von den scharf durchdachten, polemisch treffsicheren und sachlich lehrreichen Artikeln des Redakteurs Hannes Stein.“ Letzteren vergleichen sie sogar mit Eike Geisel. Auch für die Neo-Konservativen in den USA bringen sie Bewunderung auf. Der „Konkret“-Verlag lehnte kürzlich sogar ein unter anderem von Thomas von der Osten Sacken herausgegebenes Buch ab, weil ihm die Sympathie für die amerikanischen „Neoconseratives“ zu übertrieben war.[352] Klaus Thörner, der im Sturz Saddam Husseins die Chance für eine umfassende Demokratisierung der Region sah, knüpfte diese an die Bedingung der Wiederwahl des US-Präsidenten: „Nur wenn George W. Bush im November die US-Wahlen gewinnt, seine Regierung sich dauerhaft und konsequent an den Strategien der Neocons um Richard Perle und Paul Wolfowitz orientiert und es gelingt, den politischen Einfluss einer deutsch geführten EU im Nahen Osten auf ein Minimum zu reduzieren, besteht eine Chance für ein Ende von Hamas, Jihad, Hizbollah, al-Qaida und Arafat.“[353]

Auf dem Weg zur Realpolitik wird auch die Bundesrepublik nicht mehr nur als Feind gesehen. Vor dem Irak-Krieg forderten Thomas Uwer und Thomas von der Osten Sacken in einem Memorandum von der Bundesregierung, dass diese sich „aktiv in die Gestaltung einer post-Saddam Ordnung einbringt“[354]: „Es kann umgekehrt nicht im Interesse der Bundesrepublik Deutschland sein, alleine am Status Quo eines zum Zusammenbruch verurteilten Regimes festzuhalten.“[355]

Der Politikwissenschaftler Martin W. Kloke hatte in Bezug auf die Schwankungen im Verhältnis zwischen Israel und der deutschen Linken festgestellt, dass keine Linke vor 1967 so proisraelisch gewesen sei wie ausgerechnet die bundesdeutsche. Und keine sei nach 1976 so exzessiv antiisraelisch in Erscheinung getreten.[356] Die Gründe sah er vor allem darin, dass Israel als Projektionsfläche für innenpolitische Auseinandersetzungen benutzt wurde. Nach den Ergebnissen der Untersuchung scheint auch der idealisierende Israelbezug der Antideutschen hier keine Ausnahme zu bilden.