Antideutsche Kriegsführung

Antideutsche Kriegsführung.

Ein Lehrgang für AnfängerInnen und Fortgeschrittene

 

aus: Krieg ist Frieden

 

Antideutsche Kriegsführung

Ein Lehrgang für AnfängerInnen und Fortgeschrittene

 

Wenn im folgenden von ›Antideutschen‹ die Rede ist, dann ist damit eine Positionierung gemeint, die sich eigentlich in Gegnerschaft zu Kapitalismus, deutschem Nationalismus und Imperialismus wähnt, aber – aufgrund außergewöhnlicher Umstände – davon absieht, um an der Seite der US-Alliierten etwas noch ›Schlimmeres‹ zu verhindern. Im Zentrum vieler antideutschen Argumentationsfiguren steht deshalb die Begründung eines Ausnahmezustandes, der das eigentlich Richtige, sprich das eigene politische Handeln zugunsten einer Kriegsbefürwortung suspendiert, die mit den US-alliierten Kriegen gegen die »Achse des Bösen« zusammenfällt.

Die Paradoxie, das »Schreckliche« für das »jetzt Richtige« auszugeben, ist nicht mehr originell. Sie ist bereits Geschichte – eingeführt vom Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza, als er dem US-alliierten Krieg gegen den Irak 1991 seine Zustimmung gab.

Antideutsche Kriegsbefürwortungen betreten also kein Neuland. Sie treten in die Fußstapfen einer bellizistischen Linke, die ihren ausgerufenen ›Ausnahmezustand‹ längst vergessen hat und mittlerweile gut, sprich ganz normal damit leben kann.

 

Zwischen dieser bellizistischen Linken und den Antideutschen besteht aber auch ein Unterschied. Als die bellizistische Linke 1991 den US-alliierten Krieg gegen den Irak befürwortete, lag das Epizentrum politischer Erschütterungen noch in der Mitte einer linken, liberalen und pazifistisch-gesinnten Öffentlichkeit. Sie sollte auf Kriegskurs gebracht werden. Am besten war sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Mit der Konversion antifaschistischer Denkfiguren zu kriegstauglichen Begründungen hatte die bellizistische Linke staatstragende Bedeutung erlangt – was sich bis ins deutsche Außenministerium hinein bezahlt machte.

Heute streitet die liberale Öffentlichkeit nicht mehr über das prinzipielle ›Ob‹, sondern über das nuancierte ›Wie‹. Heute streitet die liberale Öffentlichkeit nicht mehr über die Notwendigkeit von Krieg, sondern über den notwendigen Grad der Enttabuisierung des Militärischen. Dieser Transformationsprozeß kann als abgeschlossen bezeichnet werden. Der Umbau der Grünen von einer pazifistischen Oppositionspartei hin zu einer kriegsführenden Regierungspartei in weniger als zehn Jahren fügt sich darin nahtlos ein.

In diesem Kontext sind antideutsche Kriegsbegründungen und -befürwortungen bedeutungslos. Sie werden für Argumentationshilfen und Kriegsanleihen nicht mehr gebraucht.

Dennoch blieben antideutsche Argumente nicht ohne Wirkung. Viele Antikriegs-Gruppen setzten sich mit diesen auseinander. Einige zerstritten sich an den aufgeworfenen Fragen und nicht selten führte die Befürwortung US-alliierte Kriege zu persönlichen Zerwürfnissen und politischen Gegnerschaften.

In diesem Text geht es mir nicht darum, das Für und Wider US-alliierter Kriege abzuwägen, sondern die politische Gegnerschaft zu jeder Art von Kriegsbefürwortung zu begründen. Im Zentrum dieses Textes werden zentrale Axiome antideutscher Kriegsbefürwortungen stehen, die in ihrer Verknüpfung und Verkettung in ein reaktionäres Politik- und Gesellschaftsverständnis münden. Dabei kreisen viele der darin verwandten Argumentationsfiguren um blinde Flecken, Leer- und Bruchstellen linker Politik der letzten 30 Jahre.

Auf die darin vorgenommenen Ausdeutungen möchte ich antworten. Ihnen will ich in allen wesentlichen Punkten widersprechen.

 

Woher kommen die Antideutschen? Wer steckt dahinter? Warum liest man so viel darüber und sieht dabei so wenig?

Wer Lust an (psychoanalytischen) Spiegelungen hat, könnte verschwörungstheoretisch antworten und ein antideutsches Kartell aufdecken: mit ›Bahamas‹ als Zentralorgan, ›Jungle Word‹ als pluralistische Vorfeldpublikation, antideutschen AutorInnen als Führungskader, einzelnen Antifa-Gruppen als Interventionstruppen – und nicht zu vergessen, mit ›Konkret‹ als aktuelles antideutsches Aussteigerprogramm und Reha-Zentrum für ehemalige Kriegskoalitionäre.

Ein solch makabres Szenarium würde zu aller Erst der eigenen Genugtuung dienen – und der Lust, sich selbst zu erschrecken. Es wird den zum Teil recht unterschiedlichen biographischen und politischen Hinter- und Beweggründen nicht gerecht. Nicht alle antideutschen Positionen münden automatisch in Zustimmung von US-alliierten Kriegen. Genauso wenig sind alle Kritiken an antisemitischen Positionen in der radikalen Linken, an nationalen Befreiungskonzepten und antiimperialistischen Strategien nur deshalb falsch und unbedeutend, weil sie in einen antideutschen Kriegsdiskurs miteingebunden sind.

Mir geht es darum, jenseits personeller Zuschreibungen, so etwas wie einen Fahrtenschreiber für antideutsche Kriegsdiskurse zu erstellen. Damit möchte ich nicht nur verhindern, im Gestrüpp individueller Gegenreden hängen zu blieben. Mir geht es gleichermaßen darum, an den verschiedenen Knotenpunkten antideutscher Erzählweisen inne zu halten, um Gegenpositionen deutlich zu machen.

 

Das Problem an einer solchen argumentativen Gegnerschaft ist und bleibt jedoch, dass sie nur bedingt greift. Sicherlich stoßen antideutsche Denkfiguren und historische Einordnungen auch in der radikalen Linken auf viel Unwissenheit. Allzu oft wird eine antideutsche Provokation wie zum Beispiel ein Plakat im Frankfurter FH-Asta: ›Lange lebe Israel‹ oder eine israelische Staatsflagge auf einer Anti-Kriegsdemonstration in Düsseldorf mit Reaktionen beantwortet, die den antideutschen ›Opfern‹ Zutritt zu einer imaginären Diaspora gewähren – umgeben von Feinden von ganz rechts bis ganz links, von ganz oben bis ganz unten. Selten werden diese Positionen dazu gezwungen, aus der Provokation herauszutreten, sich an einer politische Praxis messen zu lassen, die verbal zumindest noch vorgibt, in Opposition zu den herrschenden Verhältnissen zu stehen. Die eigene Unsicherheit, argumentativ nicht ausreichend gewappnet zu sein, dem moralischen Supergau antideutscher Selbstinszenierungen keine eine politische Praxis entgegensetzen zu können, verleitet zu lächerlichen Show-downs, die das antideutsche Drama ins persönlich-familiäre übersetzen.

In diesem Sinne ist es notwendig, antideutschen Positionen auch inhaltlich zu widersprechen. Meine Befürchtung jedoch ist, dass damit das antideutsche Phänomen nur bedingt erklärt werden kann. Denn die Faszination für antideutsche Haltungen speist sich weniger aus argumentativer Stärke, als aus einem radikalen Gestus, auf deren Bedeutung ich am Ende dieses Textes zurückkommen werde.

Und noch etwas besticht ganz gewaltig in der antideutschen Weltansicht: Sie ist eindeutig, klar, wie ein gerader Strich, von der deutschen Nazivergangenheit zum Horizont des bald Drohenden gezogen, ohne Bedenken, Brüche, Widersprüche, Zweifel und Ungewissheiten – und Scham vor historischen Relativierungen.

Eine Welt, so dichotom wie schlicht: Da ist zum einen Deutschland, von oben bis unten, von links bis rechts, von Frau bis Mann volksgemeinschaftlich geeint und zur Wiederholung nazistischer Verbrechen bereit. Und auf der anderen Seite Israel, Heimstätte der Opfer des Holocaust und finaler Endpunkt des eliminatorischen Antisemitismus. Israel, Ort jüdischen Daseins, das abermals kurz vor der Auslöschung steht – was mit allen Mitteln verhindert werden muss. Eine weltpolitische Lage, die die 40er Jahren nachstellt und zu entsprechend regressiven Schlussfolgerungen führt: Bühne frei für die US-alliierten Befreier.

Man kann die Dummheit dieser historischen Analogien und Kurzschlüsse in der Luft zerreißen. Man sollte es tun. Was diese antideutsche Weltsicht jedoch so faszinierend macht, ist nicht die (Tiefen-)Schärfe der Analyse, sondern deren Schlichtheit.

Während antideutsche Positionen im Anschlag auf das World Trade Center einen eliminatorischen Antisemitismus, im Islamismus einen religiös-verbrämten Faschismus und von Taliban bis Hisbollah deren terroristischen Handlanger ausmachen und im selben Atemzug die US-Allierten zur Befreiung, zur Rettung der Zivilisation, beauftragen, tun ›wir‹ uns schwer.

Wir zweifeln an der US-alliierten Version, die bereits einen Tag nach den Anschlägen vom 11.9.2001 Bin Laden zum Urheber der Anschläge machte. Wir zweifeln an den Menschenrechtszielen dieses begonnenen (Welt-)Krieges. Wir halten ökonomische Interessen, die riesigen Erdöl- und Gasvorkommen in Zentralasien, die neu verteilt werden, für relevant, aber nicht für die einzige Erklärung. Wir bemühen uns, ein eigenes Bild von den Taliban, Gotteskriegern und dem Islam als Antipode zum ›Westen‹ zu machen. Wir lehnen es entschieden ab, die US-Alliierten damit zu beantragen, diese reaktionäre Gegnerschaft zum ›Westen‹ dem Erdboden gleich zu machen und stehen den Fragen erst einmal rat- und hilflos gegenüber: Wie könnte unsere eigene Gegnerschaft aussehen? Mit wem könnten wir unsere Feindschaft teilen?

Wir teilen die Kritik an einem Antiamerikanismus und haben Angst, (wieder und anders) von Imperialismus zu sprechen. Wir spüren das heillose Durcheinander vieler Überlegungen, die Unmöglichkeit, diese in eine tragfähige Analyse und Strategie zu übertragen. Uns fehlt eine Praxis, in der unsere Gegnerschaft erlebbar wird und an der die Entwicklung einer Theorie Anteil hat.

Von all dem scheinen sich antideutsche Positionen ›befreit‹ zu haben. Sie haben sich in eine weltpolitische Lage hinein halluziniert, in der jede radikale Opposition zu spät kommt, in der ihr eigenes Handeln und Tun bedeutungslos wird, angesichts der Zuspitzung, auf die nur noch die US-Alliierten eine Antwort haben. Sie verknüpfen ihre eigene totale Entpolitisierung mit einer Militarisierung, die den US-Allierten Bombern folgt, mit der typischen Überdosis von ›Drückebergern‹, die ihr sicheres Zuhause mit noch radikaleren Kriegsdrohungen zu kaschieren versuchen.

Antideutsche, antinationale Positionen haben sich nicht neu erfunden. Sie sind aus der Kritik all zu schlichter und einfacher Imperialismusanalysen und Solidaritätsbekundungen (von ›USA-SA-SS‹ bis hin zum ›Sieg im Volkskrieg‹) hervorgangen. Sie wuchsen an der Kritik einer internationalistischen Solidaritätsarbeit, die die eigenen Kämpfe um Befreiung an die Guerilla in Latein- und Mittelamerika delegierte, die die Unterstützung der nationalen Befreiungskämpfe am imperialistischen Feind maß und nicht an den gesellschaftlichen Vorstellungen, die darüber hinauswiesen. Eine Kritik, die an das Verbundensein mit den bewaffneten Kämpfen mehr Anforderungen stellte, als die gemeinsame Gegnerschaft, an die eigene politische Glaubwürdigkeit mehr als den (geborgten) radikalen Gestus.

Es gehört zur Ironie antideutscher Begebenheiten, dass sie sich aus und in diesen produktiven Brüchen und Widersprüchen entwickelten, um mit ihrem neugeschaffenen Weltbild – unter anderen Vorzeichen – dort zu enden, wo selbst die politischen Kurzschlüsse der 70er und 80er Jahre nicht hinreichen. Mit einem entscheidenden Unterschied: sie wollen selbst nichts mehr verändern. Sie basteln an einem schein-radikalen Abgang, der verdecken soll, dass ihre politischen Konsequenzen dort anklopfen, wo schon viele vor ihnen mit der Abrechnung linker Geschichte die »Rückkehr in die Menschlichkeit« einläuteten.

 

Ich werde mich im folgenden i.w. auf die Stellungnahmen und Ereignisse rund um den in Afghanistan begonnenen US-alliierten Weltkrieg 2001 konzentrieren.

Dabei sollte nicht vergessen werden, dass linke Kriegsbefürwortungen bereits auf eine gewisse Tradition zurückgreifen können.

Der Exodus vor allem namhafter deutscher Linker begann mit dem US-alliierten Krieg gegen den Irak 1991. Die Reihe linker KriegsbefürworterInnen reichte von Hans Magnus Enzensberger, Wolf Biermann, Detlef Claussen, Dan Diner bis hin zu zum Konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza und seinem Hausautoren Wolfgang Pohrt. Die Konversion antifaschistischer Argumentationen in waffenfähiges Kriegsgerät für einen stinknormalen imperialistischen Krieg bediente sich vor allem zweier Gedankengänge, die auch für die Befürwortung der folgenden US-alliierten Kriege Verwendung fanden:

Im Mittelpunkt stand die angenommene existentielle Bedrohung des Staates Israels durch den Irak. Antisemitismus, machtpolitisches Kalkül und die Erinnerung an den Holocaust wurden kurzgeschlossen, die ›Endlösung der Judenfrage‹ im NS-Staat wurde mit der Politik des Iraks gleichgeschaltet.

Dazu exportierte man den deutschen Faschismus in den Irak, machte aus dem ›Hundesohn des Westens‹ »Hitlers Wiedergänger« , aus der irakischen Armee eine SS-Sturmtruppe und Leibgarde. Auf der anderen Seite dieser Bühneninszenierung traten die US-Alliierten als Befreier auf, die den militärischen Sieg über das Nazi-Deutschland im Irak nachspielen sollten.

Zum Ersatz oder komplementär wurde eine zweite Bühne aufgebaut. Der Präsident des Iraks, Saddam Hussein, wurde als barbarischer »Schlächter« präsentiert, der auf ›unsere‹ Regeln und Werte scheißt, mit dem man nicht reden kann, der nicht »vertragsfähig« ist. Aus der Reihe umgänglicher und nützlicher Diktatoren verbannt, rief man zu seiner Beseitigung auf, als Tyrannenmord kostümiert. Das Gegenbild war darin bereits eingezeichnet: Der ›zivilisatorische Westen‹, der bei allen Kapitalismuskritik, angesichts solch drohender Barbarei, verteidigt werden muss.

Beiden Denkfiguren linker KriegsbefürworterInnen werden wir in dem in Afghanistan begonnenen Weltkrieg wiederbegegnen.

 

Der totalitäre Blick ins Innere

Mit geradezu insulanischem Weitblick inspizierte die ›Bahamas‹ die innerdeutsche Kampffront nach den Anschlägen vom 11.9.01: » […] von der FAZ bis zu den Autonomen reicht die Gemeinschaft derer, die sich klammheimlich darüber freuen, dass dem ›großen Teufel Amerika‹ nun dasselbe Schreckliche widerfährt wie dem ›kleinen Teufel Israel‹.«

»Kaum fielen die ersten Bomben auf Afghanistan, machten die Friedensfreunde von DKP bis NPD, von Horst Mahler bis Günter Grass an der Heimatfront mobil.«

Noch weiter holte das u.a. mit »antideutsche Gruppen« unterzeichnete Papier »Kritische Fragen an den friedensbewegten Protest« aus. Was zum Schein in Frageform offen gehalten wird, kann als programmatische Feststellung verstanden werden: »Erzwingt die Tatsache, dass von islamistischer Seite […] der Anschlag vom 11.9. […] rationalisiert wird, nicht notwendig den Schluss, dass die Antikriegsbewegung und die expliziten Apologeten des islamistischen Terrors geistig miteinander verwandt sind?«

Und zur Abrundung dieses Sittengemäldes sei Tjark Kunstreich aus der Jungle Word vom 13.2.02 zitiert: »Der schon legendäre antisemitische Bekenntnisdrang auf Indymedia nach dem 11. September war keineswegs eine vorübergehende Erscheinung. […] Wo deutsche Linke sich zusammenrotten, fasst man auch schon mal Mut, es den »Judenknechten« und »Zionistenschweinen« zu zeigen: So auf Demonstrationen in Düsseldorf, Freiburg und unlängst anlässlich des alljährlichen Totentanzes an der Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin, wo Leute mit proisraelischen Transparenten beschimpft bzw. von den Veranstaltern ausgeschlossen wurden. […] Mit anderen Worten: Was der politischen Klasse die Walser-Rede war, ist der deutschen Linken der 11. September.«

Der Bogen ist gespannt. Er reicht von der NPD bis zur politischen Klasse, von der DKP bis zur PDS, von der Antikriegsbewegung bis zum »autonome(n) SA-Sturm“« in Deutschland – von Hamas bis Hisbollah im Nahen Osten, von Saddam Hussein bis zu den Taliban, von Al Qaida in Afghanistan bis wohin auch immer. Ein Stimmungsbild, aus dem nur eines herausragt: Der antideutsche Leuchtturm, einziger Lichtblick inmitten einer pechschwarzen Nacht: »Wer es mit der Forderung ›für den Kommunismus‹ ernst meint, der wird erkennen müssen, dass Befreiung und Emanzipation nur gegen diese Linke erkämpft werden kann, niemals mit ihr.«

Was passiert aber, wenn das hypostasierte ›Volks-Ganze‹ an der Wirklichkeit auseinanderzufallen droht, wenn »diese Linke« nicht das tut, wofür man sie bekämpft? Udo Wolter und Thomas von der Osten-Sacken schrecken auch vor solch schwierigen Aufgaben nicht zurück. Sie weisen die linken Querulanten wieder ein, zu ihrem eigenen Schutz: »Da nützt es auch nicht viel, dass sich Teile der autonomen Szene oder die Antifaschistische Aktion Berlin in ihren Aufrufen explizit gegen Antiamerikanismus und Antisemitismus aussprachen. Angesichts des Gesamtcharakters der Manifestationen [gegen den Bush-Besuch in Berlin am 21.5.02, d.V.] dienten die mit guter Absicht gegen den Mainstream gerichteten Abgrenzungen eher dazu, das medial vermittelte Bild zu bestätigen, bei den Massenaufmärschen handele es sich um ›berechtigte Kritik an den USA‹«

Hat man die Ausreißer wieder ins homogenisierte Ganze eingefügt, fühlt sich der Antideutsche wieder sicher und alleine – umgeben von Feinden. Ein gefährliches Leben. Er weiß, dass er verhöhnt, geschlagen, gejagt, gehetzt, verfolgt wird – vom völkischen Mob, von den Linken, von der deutschen Regierung und den weltweit operierenden ›Djihadisten‹. Nirgendwo kann ein Antideutscher sicher sein. Überall lauert die Gefahr. Wer dieser Gefahr unerschrocken in die Augen sieht, wer ihr trotzdem die Stirn bietet, der beweist ungeheuren Mut – und genau das soll der antideutsche Frontverlauf suggerieren.

 

Dass dieses Feindgemälde nicht nur zur dekorativen Innenausstattung antideutscher Architekten gehört, sondern das wirkliche Leben widerspiegelt, kann der Stellungnahme der ›Antifaschistischen Aktion Dortmund‹ entnommen werden:

»›Kein Frieden den Feinden Israels‹, so stand es auf dem Transparent einiger proisraelischer DemonstrantInnen, die sich am 17.11.2001 auf die ruhrgebietsweite Friedensdemonstation nach Dortmund begaben. In einer Zeit, in der die Existenz Israels, nicht zuletzt durch das Abrücken der USA, bedroht ist wie nie zuvor, erkannten proisraelische DemonstrantInnen die Notwendigkeit, eindeutig ihre Solidarität mit Israel kundzutun. […] Als die proisraelischen DemonstrantInnen sich trotz massiven Gewaltandrohungen seitens des zornigen völkischen Mobs nicht davon abhalten ließen, ihre Argumentation weiter vorzutragen, wurden sie kurzerhand von den ganz und gar nicht friedlichen ›FriedensfreundInnen‹ handfest attackiert. […] Bezeichnender Weise gingen die massivsten Gewaltandrohungen von einem vermeintlichen Genossen aus Dortmunder ›Zusammenhängen‹ aus. Dieser antiimperialistische Kämpfer konnte sich nach eigener Aussage kaum zurückhalten, die DemonstrantInnen […] zusammenzuschlagen.«

Wenn man die neuzeitlichen Bezüge herausnimmt, wähnt man sich mit dieser Stellungnahme in Zeit der NS-Judenpogrome versetzt. Alle schauen zu, alle lassen es geschehen. Selbst die USA als mächtigste Schutzmacht lassen Israel im Stich. Nur einige »proisraelische DemonstrantInnen« zeigen Flagge, umzingelt vom »völkischen Mob«, angeführt von einem »antiimperialistischen Kämpfer«. »Ein vermeintlicher Genosse« – eine versteckte Andeutung, die mit dem Hitler-Stalin-Pakt zu Ende gedacht werden darf.

Man muss nicht antideutsch sein, um den Pazifismus großer Teile der Friedensbewegung zu kritisieren. Auch die Kritik am Antiamerikanismus ist kein orginäres Zeugnis antideutscher Positionierungen. Selbst auf die Kritik an einem Antiimperialismus, der ausschließlich in ökonomischen Kategorien gedacht und verstanden wird, auf eine Kapitalismuskritik, die in ihrer Personalisierung und Verkürzung auf das (spekulative) Finanzkapital dem Antisemitismus in die Arme läuft, haben Antideutsche keine Urheberrechte. Sie haben diese aufgegriffen und zueinander in Beziehung gesetzt und damit ihren Anteil, dass bestimmte linke Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt, neu gedacht und in eine andere Praxis umgesetzt werden müssen.

Woher kommt aber diese unverschämte Ignoranz, mit der Antideutsche dieses geborgte Wissen nur sich selbst zuschreiben? Woher kommt diese Arroganz, mit der sie all die Ansätze und Bemühungen zum Verschwinden bringen, die sich um eine Umsetzung, um eine Praxis bemühen, in der diese (Selbst-)Kritik aufgehoben ist?

Der erwähnten Stellungnahme, dem darin aufgeschäumten Pathos geht es um etwas ganz anderes. Das Ereignis ist nur der Stoff für ein (säkulares) Martyrium, in dem Antideutsche als verfolgtes jüdisches Leben reinkarnieren, in der Diaspora lebend, selbst von den ehemaligen GenossInnen verraten und verkauft.

 

Der katastrophobische Blick auf den Rest der Welt

Der Innenansicht muss eine Beschreibung der Weltlage folgen, die dahinter nicht abfallen darf. Eine Lageanalyse, die die eigene Selbsttraumatisierung nicht der Lächerlichkeit preisgibt, muss diese mit harten, grauenerregenden Fakten bestätigen. Eine antideutsche Abrechnung mit Quadratzahlen.

Nur einen Tag nach den Anschlägen auf das Word Trade Center und das Pentagon (amerikanisches Verteidigungsministerium) am 11.9.2001 wusste die US-Regierung alles, was ihnen in den monate- und jahrelangen Vorbereitungen für diese Anschlagsserie entgangen ist: Bin Laden ist der geistige Drahtzieher dieser Anschläge, Al Qaida die weltweit agierende Organisation, die Taliban in Afghanistan die »Herberge« und zwischen fünf und 60 Staaten, die solche Angriffe auf die eine und andere Weise unterstützen.

Ein wenig später, dafür wieder auf der Überholspur, wussten antideutsche Krieger nicht nur genau dasselbe. Sie wussten mehr, um nicht zu sagen, die ganze Wahrheit. Auch sie brauchten dafür keine Beweise, so wenig wie die Nato, die sich zwei Tage nach den Anschlägen in den Kriegszustand versetzte. Während die US-Alliierten alle Hände voll zu tun hatten, ganz pragmatisch für ihr erstes Kriegsziel zu mobilisieren und dafür die ›Allianz gegen den Terror‹ (eine Mischung aus Gotteskriegern, Diktaturen und christlichen Fundamentalisten) zusammenzustellen, nahmen sich Antideutsche die Zeit, die Anschläge historisch und ideologisch einzuordnen. Die Bandbreite reichte von: »Die antisemitische Komponente (der »massenmörderischen Angriffe«) ist unübersehbar« bishin zum ultimativen Schluss, bei den Anschlägen handele es sich um »ein faschistisches Massaker eliminatorischer Antisemiten« . Als gemeinsame Mitte beider Erklärungen kann das World Trade Center gedacht werden, das von den Attentätern als antisemitisches Symbol für das weltweit-agierende (amerikanisch-jüdische) Finanzkapital getroffen werden sollte.

Auffallend an dieser Analyse ist die Schlampigkeit, mit dem hier eine Eindeutigkeit vorgegeben wird, für die die tatsächlichen Ereignisse nach eigenem Belieben zusammengestellt bzw. auseinander gerissen wurden.

Was ist, wenn die Attentäter gar nicht so ahnungslos wie ihre antideutschen Analytiker waren, und neben dem im Word Trade Center vertretenen Finanzkapital gleichermaßen die Repräsentanten des produktiven Kapitals treffen wollten?

Warum taucht in der Analyse nur das World Trade Center als Angriffsziel auf, das sich in der Tat für antisemitische Projektionen hervorragend eignet? Wo bleibt die Ausdeutung des Angriffes auf das amerikanische Verteidigungszentrum, das Einbeziehen anderer, gescheiterter Angriffsziele?

Wenn eine Analyse nur annähernd an die Motive der Attentäter heranreichen will, dann muss diese doch zu aller Erst die Tatsache zur Kenntnis und zum Ausgangspunkt nehmen, dass der Angriff auf das World Trade Center, der Angriff auf das amerikanische Verteidiungszentrum, und der mutmaßlich fehlgeschlagene Angriff auf das Weiße Haus als eine gemeinsame, aufeinander abgestimmte Aktion begriffen werden muss!

Eine solche Selbstverständlichkeit würde das erwünschte Ergebnis irritieren. Die zur Schau gestellte Eindeutigkeit würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen.

Fakt ist, dass man über die Motive und Hintergründe der Täter bis heute nichts weiß. Weder gibt es ein Bekennerschreiben, noch sonst irgend etwas, was die Täter zur Begründung ihrer Anschläge hinterlassen haben.

Fakt ist auch, dass für die antisemitische Deutung dieser Anschläge nicht nur die Intention der Attentäter entscheidend ist. Nicht minder wichtig ist die Beantwortung der Frage: Wie werden diese Anschläge ›gelesen‹? Wer interpretiert diese Anschläge? In welchem Namen werden diese Interpretationen vorgenommen?

Es gibt unzählige Stellungnahmen, die sich in Bezug zu diesen Anschlägen setzen, Versuche, diese zu werten und ideologisch zuzuordnen. Im besten Fall geht es dabei darum, die Wirkung dieser Anschläge in dem jeweiligem gesellschaftlichen Kontext, in dem sich die Ausdeutungen bewegen, einzuschätzen. Im schlechtesten Fall, der mit dem Grad der ausgeübten Informationshoheit zusammenfällt, geht es darum, die Lesart der Anschläge zu diktieren, zu monopolisieren. Entscheidend hierfür sind nicht die eigentlichen oder vermeintlichen Motive der Attentäter, sondern die Art und Weise, wie andere diese Anschläge verstehen oder zu verstehen haben. So unterschiedlich die gesellschaftlichen und politischen Kontexte, so unterschiedlich die macht-politischen Standorte sind, aus denen heraus diese Anschläge beurteilt werden, so unterschiedlich fallen die Ausdeutungen aus.

Für den US-Präsidenten Bush wurde »Amerika« Angriffsziel, »weil wir in der Welt die strahlendste Fackel der Freiheit und der Selbstverwirklichung sind.«

NATO-Generalsekretär Robertson will die Anschläge als »nicht hinnehmbaren Angriff auf die Demokratie« ,

Bundeskanzler Schröder will sie als »Krieg gegen die USA […] als Krieg gegen die zivilisierte Welt« verstanden wissen.

Für den Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion Friedrich Merz war es ein »Angriff auf die Zivilisation, auf die Freiheit und Offenheit unserer Gesellschaften […] Das Böse schlechthin […] «

Für den PDS-Fraktionsvorsitzenden Roland Claus wurde dabei auch und zugleich »das Herz nicht nur der amerikanischen, auch der Weltgemeinschaft getroffen.«

Für kritische, liberale AutorInnen des ›freien Westens‹ wurde mit diesen Anschlägen eine »Zitadelle des Kosmopolitismus‹ getroffen, ein »Massenmord an einer beispiellosen ›community of colour‹« verübt. Einige halten gar einen »Angriff auf die US-amerikanische Intelligentsia« für nicht ausgeschlossen, denn: »Manhatten hat vermutlich die weltweit höchste Dichte an Schriftstellern und Denkern pro Quadratkilometer aufzuweisen.«

Gehen wir einmal davon aus, dass all diese Ausdeutungen nicht nur für sich ganz alleine stehen, sondern einen relevanten Teil der Öffentlichkeit im Westen formatieren. Dann liegt doch der Schluss nahe, dass große Teile repräsentierter Öffentlichkeit in den Anschlägen vor allem einen Anschlag auf den ›zivilisierten Westen‹ sehen. Eine Wertung und Betrachtung, in der sich Regierung und parlamentarische Opposition, Millionäre wie (Billig-)LohnemfängerInnen, Frauen wie Männer, mehr oder weniger geeint sehen (sollen).

In dieser Meinungsbildung werden Stimmen, die dazu quer liegen, nicht auftauchen. Stimmen, die sagen, dass es ›den Amerikanern‹ recht geschieht, Stimmen, in denen Schadenfreude mitschwingt, Stimmen, in denen sich ein liberaler, eurozentrierter Antiamerikanismus artikuliert oder ein lächerlicher Antiimperialismus, der die weltweite Ausbeutung und Unterdrückung zu den eigentlichen Urhebern dieser Anschläge erklärt.

Dazu zählen auch jene neonazistischen und neofaschistischen Gruppen und Parteien, die in diesen Angriffen das ›jüdisch-amerikanische Finanzkapital‹ getroffen sehen und deshalb gutheißen.

Zur Beantwortung der Frage, ob diese Anschläge antisemitisch begriffen bzw. im antisemitischen Weltbild ›gelesen‹ werden, reicht es jedoch nicht, auf Neonazis und Neofaschisten zu verweisen. Entscheidend ist die Mächtigkeit, mit der eine Ausdeutung und Einordnung unternommen wird, mit welchem Zuspruch, mit welcher Zustimmung diese rechnen können. Da es keine eigenen Untersuchungen dazu geben – weder von Antideutschen, noch von der radikalen Linken – sind wir auf die Auswertung bürgerlicher Öffentlichkeit angewiesen, deren Hegemonialität als Bewusstseinsindustrie auch von Antideutschen nicht ernsthaft bestritten werden kann. Wenn man all dies einigermaßen nüchtern voraussetzt, wenn man sich die unterschiedlichen Ausdeutungen vergegenwärtigt, dann kann eines ganz sicher festgehalten werden: Die Anschläge vom 11.9.2001 werden am aller wenigsten im antisemitischen Kontext gelesen und verstanden. Zentral ist vielmehr der Versuch, sie als Angriff auf die ›westliche Zivilisation‹ zu deuten.

Anstatt sich der politischen Bedeutung dieser Ausdeutungen zu stellen, anstatt zu begründen, warum diese Ausdeutungen ohne Belang sind, genügt sich die antideutsche Analyse mit einem schein-radikalen Gestus.

Warum neben dem Antisemitismus, andere reaktionäre Ideologien keine Erwähnung und Einordnung erfahren, warum sich Antideutsche nicht in politische Gegnerschaft dazu setzen, hat gute Gründe.

Denn knapp hinter der schein-radikalen Geste findet ein Rückgriff auf genau jene Ideologien statt, die nun auch Antideutsche zur Rettung der Welt bereithalten. Genau dann nämlich, wenn sie angesichts der (drohenden) islamistischen-faschistischen Barbarei zur Verteidigung der westlichen Zivilisation aufrufen.

Ich werde später darauf noch ausführlicher zurückkommen.

 

Für die Behauptung, dass diese Anschläge nur antisemitisch zu verstehen und zu werten sind, verweisen Antideutsche nicht nur auf Neonazis und antiamerikanische Ressentiments, die ohne viel Federlesens kurzgeschlossen werden. Ein Antiamerikanismus, der jenseits antideutscher Zusammenlegungs-Forderungen, auch ohne Antisemitismus auskommt.

Als Beweis führen sie vor allem Zitate aus Stellungnahmen von Al Qaida auf, die vor und während dem US-alliierten Krieg in Afghanistan der westlichen Öffentlichkeit präsentiert wurden. So zitierte die Nachrichtenagentur afp den Al-Qaida-Sprecher Suleiman Abu Gheith mit folgenden Worten: »Wir ächzen seit mehr als 80 Jahren unter dem Joch der gemeinsamen Aggression von Juden und Kreuzrittern. […] Die jungen Männer, die die Vereinigten Staaten zerstört haben […] vollbrachten eine gute Tat. Sie trugen die Schlacht ins Herz der USA. Mit Gottes Einverständnis wird die Schlacht auf ihrem Territorium weitergehen, bis sie unsere Länder verlassen, die Unterstützung der Juden beenden und das ungerechte Embargo gegen das irakische Volk aufheben, das mehr als eine Million Kinder verloren hat […] «

Auf der Webseite der britischen Regierung wurde Osama bin Laden mit einer im Februar 1998 öffentlich gemachten Fatwa (ein religiöses Rechtsgutachten) zitiert, die einen verpflichtenden Aufruf an alle Muslime enthielt: » […] das Töten von Amerikanern und ihren zivilen und militärischen Verbündeten ist für jeden einzelnen Muslim […] eine religiöse Pflicht, bis die Al-Aksa-Moschee aus der Umklammerung der Amerikaner befreit ist und ihre Armeen muslimisches Gebiet geräumt haben.«

Keine Frage: diese Stellungnahmen machen sich nicht nur die Anschläge vom 11.9.2001 zu eigen. Mit ihnen verknüpft sich ein Weltbild, das ideologisch von Antisemitismus und Antiamerikanismus gleichermaßen geprägt ist.

Teilen wir einmal, für einen längeren Gedankengang, die antideutsche (und US-alliierte) Logik, dass sich mit diesen Stellungnahmen Bin Laden und Al Qaida als Auftraggeber und Attentäter selbst überführt haben. Teilen wir für diesen Gedankengang weiterhin, dass es sich dabei um antisemitische Anschläge gehandelt hat.

Was hat das noch mit linker, revolutionärer Politik zu tun, die US-Alliierten mit der Beseitigung antisemitistischen Terrors zu beauftragen?

Nicht einmal für bürgerliche Zeitungen ist es ein Geheimnis mehr, dass Bin Laden, als antikommunistischer Held verehrt, die Taliban, aus den Mudschaheddin hervorgegangen, die Koranschulen in Pakistan als Rekrutierungsbasis für ›Gotteskrieger‹ und der pakistanische Geheimdienst als Dienstleister und Organisator, von den USA mitfinanziert und ausgerüstet wurden, um sie als Bodentruppen gegen die damalige sowjetische Besatzungsmacht in die Schlacht zu schicken. Wie kann man die US-Alliierten mit etwas beauftragen, was die USA mit dem größten verdeckten CIA-Auslandseinsatz nach dem Zweiten Weltkrieg stark gemacht haben? Dabei war den USA der Islam so egal wie das Gesellschaftsbild, das damit entworfen wurde. Und am aller wenigsten ging es darum, die afghanische Bevölkerung ›glücklich‹ zu machen. Primäres Ziel war es, der damaligen Sowjetmacht ein »zweites Vietnam« in Afghanistan zu bereiten – auf dem langen Weg, den Ostblock, die Warschauer Pakt-Staaten, als militärischen und ideologischen Gegenpol zum Kapitalismus, in die Knie zu zwingen. Im ›Kampf gegen den Kommunismus‹, gegen die Feinde des ›freien Westens‹ war jeder Diktator, jede reaktionäre Ideologie recht und willkommen. Wenn heute und morgen US-Alliierte gegen ihre früheren Freunde Krieg führen (wie im Krieg gegen den Irak zuvor), dann führen sie keinen Krieg gegen eine menschenverachtende Politik, sondern gegen einen ehemaligen Freund, der eigene Machtansprüche formulierte, die den Interessen ihrer (Ko-)Ziehväter heute im Wege stehen.

So dumm und reaktionär diese antideutschen Kriegskoalitionäre daherkommen, so schwierig wäre es, sich als deutsche Linke zu aller erst folgende Fragen zu stellen: Was macht die soziale und politische Basis derer aus, die heute ›den Amerikanern‹ und ›den Juden‹ den Krieg erklären?

Wie gehen wir mit Bedingungen um, unter denen das nackte Überleben im Vordergrund steht, wo revolutionäre, emanzipatorische Ideen nicht (nur) an ihren Versprechen gemessen werden, sondern zu aller erst an der Fähigkeit, das alltägliche Überleben zu garantieren? Woran liegt es, dass im Kampf gegen die eigenen Regime und gegen Imperialismus die reaktionären und religiösen Antworten mehr Gewicht bekommen haben als die revolutionären?

Woran ist die revolutionäre, antikolonialistische Linke gescheitert, wenn man ihre militärische Niederlagen nicht als einzige Antwort akzeptieren will? Welches Vakuum hat die antikolonialistische und antiimperialistische Linke hinterlassen, in das islamische Bewegungen hineinstoßen? Welchen (unfreiwilligen) Beitrag hat die revolutionäre Linke dazu geleistet? Wie müsste eine politische Praxis aussehen, die diesen reaktionären und antisemitischen Heilsversprechen den Boden entzieht? Welche Antworten haben wir auf Antisemitismus und christlich-abendländischem Fundamentalismus, hier, in der BRD?

Sich solchen Fragen zu stellen, hieße, die eigene politische Praxis in den Mittelpunkt einer Analyse zu stellen, anstatt sich im Für und Wider US-alliierter Kriege selbst zu entpolitisieren.

Sich solche Fragen zu stellen, sich auf die Suche nach Antworten zu begeben, ist sicherlich mühsam und verunsichernd – vorallen dann, wenn man dabei auf Gewaltverhältnisse stößt, denen wir theoretisch feindlich, im wirklichen Leben (als Lohnabhängige z.B.) eher unauffällig bis versöhnlich gegenüberstehen.

Diese Fragen bis zum Ende zu gehen, würde möglicherweise den Abstand zwischen all den ›anderen‹, die sich mit reaktionären und religiösen Vorstellungen und Praxen abfinden und ›uns‹ viel kleiner machen, als es die Theorie der radikalen Linken vorgibt.

 

Antisemitismus + Antiamerikanismus + Islam = eliminatorischer Antisemitismus = (religiös verbrämter) Faschismus

Antisemitismus und Antiamerikanismus auch in arabischen Ländern festzustellen ist das eine. Darüber jedoch US-alliierte Kriegsziele zu bestimmen, ist etwas ganz anderes – vor allem dann, wenn man den antideutschen Blick auf die Verhältnisse noch ernst nimmt: Warum haben die Antideutschen nicht zum US-alliierten Krieg gegen Deutschland, Österreich oder Italien aufgerufen? Warum beginnen Antideutsche mit ihrem militärischen Kreuzzug nicht vor der eigenen Haustür?

Man könnte ihnen mangelnde politische Konsequenz vorwerfen. Naheliegender ist jedoch, dass immer dann ein Gespür für Irrsinn einsetzt, wenn sie selbst unter diesem begraben werden könnten. Spätestens dann versöhnen sie sich mit den Verhältnissen hier, exportieren ihre antideutsche Analyse ins Ausland und lassen dort Krieg führen.

Damit die Bomben auch ideologisch das eigene Zuhause verschonen, musste etwas gefunden werden, was das ›deutsche Haus‹ von anderen unterscheidet: ein Zusatz, ein Unterscheidungsmerkmal, etwas bewährtes, das ganz sicher nach ›außen‹ verweist: der Islam.

Der eigene Nachhauseweg war gesichert. Nun konnte man in den Orient schweifen, ExpertInnen lauschen und eine ›Koranschule‹ eröffnen, was die Jungle World auch mit einer gleichlautenden Beitragsserie unter der Zwischenüberschrift »Islam und Antisemitismus« tat.

Auch wenn es dabei Zwischentöne gab, so blieb als Stimmungsbild eines zurück: Wo man auch hinschaut sind »teuflische Feinde« am Werk. Es werden Verschwörungstheorien zitiert, mit denen ›die Juden‹ für die Anschläge am 11.9.2001 verantwortlich gemacht werden. Es wird ein Antiamerikanismus in den arabischen Ländern konstatiert, der sich in »Bekundungen großer Teile der ägyptischen, saudi-arabischen und jordanischen Bevölkerung [ausdrückt] bei den Attentaten habe es die Richtigen getroffen […] « . Dann machen wir einen großen oder wenn man will, ganz kleinen Sprung in die ägyptische al-Azhar Universität, um über den dort lehrenden Sheikh Muhammad al-Tantawi zu erfahren, dass die »oberste religiöse Autorität des sunnitischen Islam« unter Zuhilfenahme des Koran das christlich-abendländische Stereotyp vom ›ewigen Juden‹ in die arabische, islamische Welt übersetzt.

Dass es Antisemitismus und Antiamerikanismus auch in der islamische Welt gibt, ist sicherlich damit bewiesen. Dass jede Linke hier sich in politische Gegnerschaft dazu stellen muss, sollte klar sein. Dass die Suche nach Gegenströmungen schwierig und mühsam ist, hier wie dort, kann als bittere Tatsache festgehalten werden.

Anstatt sich in diesem Sinne auf den Weg zu machen, wird der Sack zugemacht: »Die ideologischen Wurzel des Djihad, der Antisemitismus, ist in der ganzen arabischen Welt weit verbreitet. Im Hass auf Israel, den Westen und den ›jüdisch kontrollierten Weltmarkt‹ können sich Moslems aller Glaubensrichtungen wiederfinden […] Dieser Terrorismus, dessen Protagonisten einer ›faschistischen Ideologie mit islamistischem Antlitz‹ (Christopher Hitchens) anhängen, ist spätestens seit dem 11. September virulent.«

Was als antideutsches Fatwa gegen die »ganze arabische Welt« verstanden werden kann, hatte die ›Bahamas‹ bereits in ihrem Marschgepäck, als sich der US-alliierte Krieg in Afghanistan noch in der Vorbereitsungsphase befand: »US-amerikanische Militärschläge gegen islamistische Zentren hätte jeder bis auf weiteres zu begrüßen. […] Sollte wirklich Afghanistan das erste Ziel eines US-Gegenschlages sein, wäre zu fordern, dass dieser so konsequent wie möglich erfolgt, d.h. einen Sturz nicht nur des Taliban-Regimes, sondern auch die Verhinderung weiterer islamistischer Herrschaft […].«

Wer die »ganze arabische Welt« so zeichnet, wer sich nicht für die Brüche, Widersprüche und Gegnerschaften interessiert, dem geht es nicht (mehr) um gesellschaftliche und politische Prozesse, die beeinfluss- und veränderbar sind. Der will etwas zu Ende bringen, festschreiben, homogenisieren, zu Kultur und/oder (zweite) Natur werden lassen, was in einer Katastrophe münden muss, wenn nicht von ›außen‹ zivilisierend eingegriffen wird. Dass sie damit die ›abendländische Zivilisation‹ beauftragen, weiß man. Dass ihnen dabei weder ideologiekritisch noch kolonial-geschichtliches etwas einfällt, ist beschämend. Sie setzten ganz still und dreist auf das über Jahrhunderte hinweg fürs Abendland geprägte Bild vom ›barbarischen‹ und ›unzivilisierten‹ Orient, für dessen Missionierung nun auch antideutsche Kontingente bereitstehen.

Damit sind die Weichen für einen »Kampf der Kulturen« gestellt, für einen Krieg des ›freien Westens‹ gegen den ›islamistischen Terror‹. Wer dabei wie Andrea Albertini mit ihrem Kir Royal-Bewußtsein den Schlachtruf »Sherry statt Sharia!« ausgibt, schert sich nicht mehr darum, in einer Reihe mit den Theoretikern des ›Zivilisationskrieges‹, Huntington und Bassam Tibi, in den Krieg ziehen. Dass diese u.a. Oswald Spenglers Werk »Der Untergang des Abendlandes« beerben, findet in diesem Zusammenhang keine Erwähnung. In einem anderen schon: In seinem bereits erwähnten Beitrag »Teuflische Feinde« führt Götz Nordbruch u.a. den ägyptischen Professor für Philosophie, Hassan Hanafi, an, der das Konstrukt von der Notwendigkeit einer arabischen Identität mit antisemitischen Verschwörungstheorien verknüpft: »Hanafi verweist dabei ausdrücklich auf Oswald Spenglers Werk ›Der Untergang des Abendlandes‹, das die Aufklärungskritik der völkischen Revolution der zwanziger Jahre in Deutschland repräsentiert.«

›Teuflische‹ Verbindungen zwischen islamistischen und antideutschen Interpreten Oswald Sprenglers Werk »Der Untergang des Abendlandes«.

Die Implementierung des Holocaust in die Gegenwart – Der Orient als antideutscher Entsorgungspark

Man könnte meinen, dass mit Antisemitismus und Antiamerikanismus als Basissubstrat und islamistischem Terror als Brandbeschleuniger der ultimative Cocktail gemixt ist, mit dem der bittere Nachgeschmack einer Befürwortung US-alliierter Kriege heruntergespült werden kann. Mehr geht nicht, könnte man meinen – und hat die Rechnung ohne die Antideutschen gemacht.

Als hätten sie Angst, dass selbst dieses Horrorszenario eine politische, eine revolutionäre Antwort nicht ausschließt, sondern dringender denn je macht, wird der letzte Trumpf gezogen, der alles (aus-)sticht: die Drohung eines Holocaust. Ein Anspielen einer historischen Situation, in der nur noch die Feuerkraft des ›guten‹ Imperialismus (USA, England, Sowjetunion) zählte. Eine historische Situation, in der gewöhnliche Imperialismen mit antiimperialistischen Widerstandsgruppen gemeinsam gegen etwas noch schlimmeres kämpften: gegen die Verwirklichung des ›1000 jährigen Reiches‹, gegen das nationalsozialistische Vernichtungsprogramm von Jüdinnen/Juden. Die Einzigartigkeit nationalsozialistischer Verbrechen brachte eine außergewöhnlichen Anti-Hitler-Koalition hervor: Mehr und weniger gemeinsam kämpften amerikanische und britische Soldaten mit kommunistischen WiderstandskämpferInnen in Griechenland und Italien, mit der Resistance in Frankreich.

Wie tritt man heute einer ›Anti-Hitler-Koalition‹ bei, die sich mit der militärischen Zerschlagung der NS-Diktatur 1945 auflöste? Man regeneriert eine Weltlage, die man so nahe an die historische Konstellation der 40er Jahre heranschreibt, bis die US-Alliierten als Befreier und (antideutsche/linke) KriegsbefürworterInnen als antifaschistische WiderstandskämpferInnen wieder erscheinen. Damit hat man sich selbst einen passablen Platz in der Weltgeschichte zugewiesen, auf den die bedeutungslose Linke aller Wahrscheinlichkeit nach verzichten muss.

Damit ergibt sich jedoch gleichzeitig ein Problem. Denn in der so skizzierten Weltlage ist die Befreiung von Auschwitz zentral eingeschrieben. Will man diesen moralischen Gewinn abschöpfen – und darum geht es ganz wesentlich – muss Auschwitz wieder aufscheinen. Dafür zieht man eine gerade Linie nach Israel, schließt die Behauptung einer »faschistischen Ideologie mit islamistischen Antlitz« mit dem Palästina-Konflikt kurz und erklärt die Auslöschung des Staates Israel zum finalen Endpunkt: »Jeder denkende Mensch hätte sofort nach den massenmörderischen Angriffen auf das World Trade Center wissen können, wem die Attacke der islamistischen Gotteskrieger in erster Linie galt: Israel.«

Dieser neurologische Befund einer antideutschen Fachärztin kennt keine Zweifel, keine Einschränkungen, nur narzistische Gewissheit. Nicht einmal der Versuch, die naheliegende Frage zu beantworten, wurde unternommen: Wenn diese Anschläge eigentlich Israel galten, warum wurden dann nicht Flugzeuge direkt in israelische Regierungsgebäude und militärische Einrichtungen gelenkt?

»In einer Zeit, in der die Existenz Israels, nicht zuletzt durch das Abrücken der USA, bedroht ist, wie nie zuvor« … scheinen solche Erwägungen und Bedenken fehl am Platze.

Um so eifriger und wortreicher wurde Palästina, der Nah-Ost-Konflikt in eine Kulisse des Nationalsozialismus verwandelt. Mit der Fertigkeit eines Fünfjährigen wurde die Kriegsfront geknetet:

Auf der einen Seite Israel, Heimstätte der Überlebenden des Holocaust. Opfer. Dazu zählen Scharon genau so wie israelische SiedlerInnen, arabische Israelis und AnhängerInnnen der Friedensbewegung. Sie alle sind eins, deren Unterschiede, deren Widersprüche sind bedeutungslos, nicht wichtig. In der antideutschen Wahrnehmung zählen sie nur als Opfer. In ihrer Unterschiedslosigkeit werden sie zum ›Volk‹, dessen Konstruiertheit an jedem anderen Ort dieser Welt – zu Recht- vehement angegriffen wird. Damit werden über 50 Jahre Geschichte Israel ausgelöscht, gegenstandslos. Verständlich. Denn diese würde nur stören im antideutschen, völkisch-homogen Weltbild. Denn Israel ist nicht nur und weit mehr als die Heimstätte der Überlebenden des Holocaust. Israel ist auch Besatzungsmacht. Israel ist auch ökonomisch und militärisch eine regionale Supermacht. Und: Israel wird nicht nur von ›außen‹, durch den palästinensischen Widerstand angegriffen, sondern auch von ›innen‹, von einer schwachen, aber immerhin existenten Friedensbewegung, die die israelische Regierungs- und Besatzungspolitik für die Eskalation der Gewalt, für das Scheitern politischer Lösungen mitverantwortlich macht. All das findet keine Erwähnungen. Auf all diese Widersprüchlichkeiten wird nicht Bezug genommen, sondern aus dem antideutschen Bild verbannt.

Auch die Feinde Israels sind im antideutschen Weltbild mit wenigen Federstrichen beschrieben: Zuerst wird eine palästinensische Volksgemeinschaft geformt, »das derzeit aggressivste antisemitische Kollektiv« . Dann spricht man aus, was kommen musste: »Es ist hier ein zur Vernichtung entschlossener Antisemitismus am Werk – darin seinem nationalsozialistischen Vorbild auf qualitativer Ebene durchaus ebenbürtig – , der die Wahl- und Maßlosigkeit palästinensischen Massenmordens begründet. In dieser Hinsicht kommt momentan dem Koran eine ähnliche Rolle zu wie seinerseits Hitlers Machwerk ›Mein Kampf‹ in Deutschland.«

In diesem paranoiden Weltbild »kämpfen immer dieselben Alliierten gegen immer dieselben antisemitischen Barbaren und versuchen dabei, immer dieselben Opfer – die des Holocaust – zu retten.«

In dem Reflex, sofort mit Argumenten und Fakten dagegen halten zu wollen, steckt bereits ein linkes Dilemma. Zu oft hat die radikale Linke in den letzten 30 Jahren zur Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen beigetragen. Zu oft wurde die moralische Legitimation zum Widerstand geborgt, indem man den politischen Gegner mit Nazianalogien belegte: Das reicht von der Anti-Vietnam-Parole ›USA-SA-SS‹ bishin zu einer Palästina-Solidarität, die den ehemaliger israelischer Ministerpräsident Begin mit Hitler, die Vertreibung von PalästinenserInnen mit dem Holocaust gleichzusetzen versuchte.

Auch wenn Antideutsche alles dafür geben, nachzuweisen, dass sie mit »dieser Linken« nichts gemein haben – mit ihren Argumentationsfiguren bewegen sie sich inmitten linker Geschichtsrelativierungen.

Es gehört schon viel Dreistigkeit dazu, die unterschiedlichen Beweggründe, Ziele und Vorstellungen innerhalb des palästinensischen Widerstandes so zusammenzukochen, dass am Ende nur ›Auschwitz‹ stehen kann und muss. Man kann es für Dummheit oder Absicht halten, wenn dabei die verschiedenen Phasen des palästinensischen Widerstandes mit keinem Wort Erwähnung und Berücksichtigung finden.

Würde man den kerzengeraden Frontverlauf antideutscher Krieger verlassen, wäre man zu aller erst mit der eigenen Unkenntnis konfrontiert, mit der Schwierigkeit, klare Antworten oder gar kluge politische Lösungen zu finden. Wo hört Widerstand gegen die israelische Besatzungsmacht auf? Wo fängt Antisemitismus an? Welche (Neben/Haupt-)Rolle spielen die ›biblischen Grenzen‹ Israels im national-religiösen Selbstverständnis? Welche Bedeutung hätte ein palästinensischer Staat als (un-)sichere Grenze zu Israel? Was unterscheidet Israel als jüdischen Staat von islamischen Vorstellungen innerhalb des palästinensischen Widerstandes (Hamas)? Wie viel reaktionäre Gesellschaftlichkeit verbindet beide miteinander? Wenn in Israel, wie in Palästina emanzipatorische Prozesse marginal, religiös-nationalistische dominant sind: Wäre dann eine Zwei-Staaten-Lösung die am wenigsten blutige Lösung? Was macht eigentlich eine antinationale, deutsche Linke in einem Konflikt, wo es hauptsächlich um die Anerkennung von und Schaffung von Grenzen geht?

 

Die deutsche Linke hat sich – mit Blick auf Palästina – in den letzten 30 Jahren nur selten aus der David/Goliath-Schablone gelöst. Solidarität wurde wesentlich über das Opfersein bestimmt. Bis 1967 galten die Sympathien Israel, ohne wahrzunehmen, welche Auswirkungen die Politik des Staates Israel gegenüber arabischen Menschen in Palästina hatte. Nach 1967 wechselte man die Front und sympathisierte mit dem palästinensischen Widerstand, mit den ›Opfern der Opfer‹. Mit dem antideutschen Aufruf, den Staat Israel zu verteidigen, wird die Opferlogik nur um einen Salto rückwärts verlängert. Statt die Politik mit Opfern zu durchbrechen, wird sie ein weiteres Mal zementiert.

Dass es auch anders geht, hat z.B. eine neue Generation von HistorikerInnen in Israel bewiesen, die mit ihren Forschungsarbeiten ab Mitte der 80er Jahre einige zentrale zionistische Erzählweisen in Frage stellte:

¨ Der zur Gründungslegende gewordene Mythos, Israel habe ein unbewohntes, unfruchtbares Land vorgefunden: »Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land«.

¨ Erst mit der Gründung Israels sei die ›Wüste fruchtbar gemacht‹ worden. Damit einher geht die Erzählweise, dass – wenn doch palästinensische Menschen dort lebten – diese nicht vertrieben, sondern freiwillig ihr Land, ihr Haus verlassen haben.

¨ Die Legende vom friedfertigen Israel bzw. dem Yishuv (der jüdischen Gemeinde in Palästina), der dem UN-Teilungsplan 1947 zustimmte, während einzig und allein die arabischen Nachbarstaaten dieses Beschluss ablehnten und bekämpften.

¨ »Der Mythos, dass der Kampf zwischen dem Yishuv und den Arabern dem Kampf zwischen David und Goliath glich, wobei der kleinere jüdische ›David‹ wie durch ein Wunder den viel stärkeren arabischen ›Goliath‹ besiegt habe. Doch die Forschungen von Amitzur Ilan und anderen haben gezeigt, dass der Yishuv während der meisten Phasen des Krieges von 1948 hinsichtlich der Truppenstärke und der Bewaffnung die stärkere Seite war.«

¨ »Der Mythos von der Kompromissbereitschaft [Israels] nach dem Krieg von 1948« und der Unnachgiebigkeit arabischer Staaten. »Doch die Forschungen von Shlaim, Pappe, Morris und anderen haben nachgewiesen, dass mindestens Jordanien und möglicherweise auch Syrien und Ägypten nach 1948 Frieden wollten und dass verschiedene Faktoren, darunter auch die Unnachgiebigkeit Israels, alle Hoffnungen auf einen frühen israelisch-arabischen Frieden zunichte gemacht haben.«

»Für jüdische Israelis sind die besetzten Gebiete kein politisches Territorium, sondern das historische Kernland von Judäa und Samaria. Die Besiedlung dieser Gebiete durch die Palästinenser ist nur ein kleiner Störfaktor im großen theologisch-historischen Prozess.«

Mit diesen politischen Neubestimmungen schwimmen die neuen HistorikerInnen nicht nur gegen den Mainstream in Israel. Die Anerkennung und Beachtung dieser Anstrengungen würden auch in der deutschen Linken dazu beitragen, endlich das Opfer-TäterIn-Schemata zu überdenken bzw. als politische Kategorie zu verwerfen.

Dass eine ähnlich weitreichende Auseinandersetzung mit der palästinensischen Opfergeschichte und den nationalen Mythen um Palästina aussteht bzw. auf eine Mauer des Schweigens innerhalb des palästinensischen Widerstandes stößt, gehört auch gesagt und bedauert.

Beides zusammengenommen und aufeinander bezogen gedacht, böte die Chance, nicht länger die Opferpyramide rauf- und runterzustürzen. Damit wäre Platz geschaffen, in Israel und Palästina nach politischen, emanzipatorischen Prozessen Ausschau zu halten, die sich der militärischen und nationalistisch-religiösen Logik (beider Seiten) widersetzen. Die sich darum bemühenden Gruppen und Organisationen sind sowohl in Israel, als auch in den palästinensischen (Autonomie-)Gebieten ohne große politische und gesellschaftliche Bedeutung. Mit ihnen solidarisch zu sein, hieße, ganz bescheiden, den langen Weg gesellschaftlicher Veränderungen zu teilen.

Dafür sind Antideutsche nicht zu haben. Wer Auschwitz fernab vom eigenen Zuhause verhindern will, hat keine Zeit mehr, hat es ganz eilig, kann nicht warten, hat keinen langen Weg vor Augen, sondern den Abgrund. Wer solch große Gefahren sieht, ist kein Selbstmörder, sondern geht zur Seite und macht Platz für Leute, die gelernt haben, Gefahren zu beseitigen. Das ist die eigentliche Botschaft ihrer Horrorszenarien: Ihnen geht es weder um Palästina, noch um Israel, geschweige denn um einen eigene politische Praxis. Es geht um einen sauberen Abgang, nicht leise, sondern mit einem lauten Krach, mit wüsten Beschimpfungen und der Androhung, wiederzukommen – mit ganz vielen großen und starken Freunden.

In diesen Zusammenhang darf der antideutsche Ruf nach den US-Alliierten ganz unpolitisch verstanden werden, als Geste von Halbstarken.

 

Wo Antideutsche aufklären, hat Antiimperialismus nichts mehr zu suchen

Wenn man sich die Stellungnahmen, vor allem deren Schlussfolgerungen vor Augen hält, fällt es schwer, antideutsche Positionen überhaupt noch mit Antikapitalismus und Antiimperialismus in Verbindung zu bringen. Es gehört also schon eine gute Portion Spiritualität dazu, trotz alledem daran zu erinnern, dass sie sich selbst als schärfste KritikerInnen des Kapitalismus verstehen – und ihre Kriegsbefürwortung mit der Parole »Für den Kommunismus« ausklingen lassen.

Wie kriegen es also Antideutsche hin, einerseits mit den mächtigsten Kernländern des Kapitalismus, mit den führenden imperialistischen Staaten in den Krieg gegen den »islamistischen Terror« zu ziehen und gleichzeitig ihre schärfsten KritikerInnen zu bleiben?

Was gemeinhin für unmöglich gehalten wird, gelingt unter Zuhilfenahme bürgerlicher Zivilisationstheorien durchaus. Als erstes kappt man die Verbindung und Wechselwirkung zwischen imperialistischer Ökonomie und US-alliierten Kriegen: »Der Verweis auf angeblich imperialistische US-Interessen im afghanischen Wüstensand verdreht Ursache und Wirkung der aktuellen Entwicklung. […] Dieser Krieg ist die Antwort auf einen konkreten und in dieser Form bisher nicht dagewesenen Angriff, eine Reaktion auf die Kriegserklärung an den gottlosen american way of life und seine nahöstliche Entsprechung in Tel Aviv und Westjerusalem.«

Im zweiten Schritt behauptet man, die Angriffe des 11.9.2001 seien eine Kriegserklärung »an den gottlosen american way of life«, ein Angriff auf die antisemitisch-konnotierte ›Moderne‹, deren Schutzwürdigkeit im Staat Israel seine kristalline Form angenommen hat. Dem gegenüber setzt man eine islamische Welt, die von (feudaler) Rückständigkeit, göttlichem Wahn und antisemitisch aufgeladenem Märtyrer-Mythos geprägt ist.

Zu guter Letzt fliegen die US-alliierten Bomber – im Geist antideutscher Aufklärung – Angriffe auf Staaten und Gesellschaften, die das westliche Abendland glücklich und stolz hinter sich gelassen hat.

Wer die Welt so zeichnet, tut sich nicht mehr schwer, mit Bundeskanzler Gerhard Schröder zusammen »auf der richtigen Seite« dieser Anordnung zum stehen zu kommen. Was im ersten Schritt auf die Zivilisationstheorie zu noch verleugnet werden muss, wird über den nun verteidigenswerten Normalzustand wieder hereingeholt: Ein Imperialismus, der als Terminator rückständiger Verhältnisse zum Wegbereiter des Fortschritts avanciert. Dass diese US-alliierten Kriege, als historisch notwendige Etappe eingeordnet, das Tor zum Kommunismus aufstoßen, ahnen die US-Alliierten gar nicht – einige Antideutsche schon.

Im antideutschen Kriegsdiskurs taucht noch eine zweite, eine Imperialismus-Light-Version auf. Sie steht nicht im Widerspruch zur vorangestellten, vielmehr ist sie deren Zuspitzung. In dieser Version hält man kapitalistische und imperialistische Interessen für durchaus denkbar, aber als Maßstab für radikale Opposition jetzt nicht entscheidend. Wie kommt es zu diesem Aussetzer? Man legt noch einmal den Lehrfilm über den Zivilisationsbruch ein, spult ungefähr 60 Jahre zurück und erklärt die Konstellationen des Zweiten Weltkrieges – ohne den geringsten Reibungsverlust – zum Jetzt-Zustand. Dann kämpft man in imaginärer Linie mit der französischen Resistance, mit den PartisanInnen in Jugoslawien und Italien, mit den Imperialismen zusammen gegen noch Schlimmeres, um die bloße Möglichkeit der Emanzipation zu retten.

 

Der Kommunismus der ›dummen Kerle‹

Die radikale Linke hat große Mühe, sich ein einigermaßen überprüfbares Bild von dem Krieg in Afghanistan und den kommenden Kriegen zu machen. Kleine Teile der Antikriegsbewegung unternehmen zaghafte Schritte, um aus der humanitär und pazifistisch geprägten Haltung »Stopp den Krieg« herauszutreten. Meist sind es kleine Aktionen, mit denen man der ungeheuer tief sitzende Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit zu entgegen versucht. An dieser und jener Ecke der radikalen Linken wird das Analysewerkzeug der letzten 20 Jahre überprüft, Verbindungslinien zwischen ›Genua‹ und ›Kabul‹ gezogen, Zusammenhänge zwischen metropolianem Frieden und peripherem Weltkrieg erwogen. Nicht minder schwierig und zeitraubend sind die Bemühungen, die unterschiedlichsten Erfahrunghorizonte anzunähern, d.h. in der Regel von sehr wenig Gemeinsamkeit auszugehen. All das klingt nicht wirklich einladend.

Wie schön ist es hingegen, antideutsch zu sein. Alles scheint auf der Hand zu liegen: Sie wissen, wem die Anschläge vom 11.9.2001 ›eigentlich‹ galten. Sie wissen, wer dafür verantwortlich ist. Sie haben den Islam als Wiedergänger des Nationalsozialismus entlarvt und wissen, was jetzt zu tun ist: »Die USA, die von Linken oft und zu Recht wegen ihrer Interessenpolitik angegriffen wurden, sind die einzige Macht dieser Welt, die zu einem Gegenangriff im Moment in der Lage ist.«

Während die (radikale) Linke nach bescheidenen Interventionsmöglichkeiten Ausschau hält, winken Antideutsche völlig entspannt US-alliierten Bombern zu und beweisen sich als wahre Ledernacken. Sie wissen nicht nur, was zu tun ist, sie gehen sogar voran, sind in Gedanken schon längst im Irak einmarschiert, während sich die US-Alliierten ins Hemd machen. Ja, das sind deutsche Helden.

So wissen die Jungle-World und Konkret-Autoren Thomas Uwer und Thomas v.d. Osten-Sacken von all den Weicheiern zu berichten, die einem Krieg gegen den Irak abwartend bis skeptisch gegenüberstehen. Mit echtem Mitgefühl sorgen sie sich um die ›Falken‹ in der US-Kriegsadministration. Als wahre Kameraden halten sie zusammen, als wahre Frontschweine wissen sie, dass ein Krieg zuhause verloren wird – und rechnen ab: Mit dem »Establishment« in den USA, wo sich »der radikalste Flügel der Antikriegsbewegung« eingenistet hat, mit der SPD, die »einen Militärschlag gegen den Irak verurteilte«, mit der Friedensbewegung, die »im Bundesverband der Deutschen Industrie einen starken Fürsprecher findet«, mit dem Rest der Welt. Alle, bis auf die ›Falken‹ und die zwei Kriegsautoren, haben an der »militärischen Zerschlagung des irakischen Baath-Faschismus« keine Interesse.

Wo man nur hinschaut, (Wehrkraft-) Zersetzung und Infiltration, selbst und gerade dort, wo man eigentlich Freunde, Verbündete vermuten könnte, wie im US-»Establishment«. Auf die Idee, dass dieses Wahnbild von antisemitischen Verschwörungstheorien nur so strotzt, kommen die Autoren nicht mehr. Wer so furchtlos ist und es mit allen aufnimmt, kann auch auf seine eigene Ideologiekritik scheißen.

Zu diesen Lederjacken-Imitaten darf sicherlich auch Matthias Küntzel gezählt werden, der ganz kurz links antäuscht, um schließlich ganz rechts, am US-alliierten Kriegsstab vorbei, wieder einzuspuren: »Selbstverständlich müssen die amerikanische und die britische Politik weiterhin kritisiert werden. Jedoch nicht deshalb, weil sie die Djihadisten verfolgt, sondern weil sie diese nicht zielgenau und konsequent verfolgt.« Soviel aus dem Generalstab für antideutsche Kriegsführung.

Sicherlich macht dieser militärische Gestus Eindruck – selbst dann ,wenn man die historische Kulisse zerlegt, vor der die BefürworterInnen des ›bewaffneten Kampfes‹ auftreten. Ich nehme bewusst das Wort vom ›bewaffneten Kampf‹ auf, denn natürlich macht es Eindruck, sich an der Seite der mächtigsten Kriegsparteien zu wähnen. Dabei könnte man sogar meinen, dass diese Antideutschen aus den Fehlern der Linke gelernt haben – und nicht mehr auf Looser setzen. In den 70er und 80er Jahren solidarisierte sich die internationalistische Linke mit den bewaffneten Befreiungsbewegungen, im Kampf um bessere Verhältnisse – und verlor mit ihr. Heute kämpfen Antideutsche an der Seite der US-Alliierten gegen noch schlimmere Verhältnisse – und können gar nicht verlieren. Denn, wer befürchtet oder erwartet, dass Antideutsche angesichts der von ihnen skizzierten Verhältnisse in den Untergrund gehen bzw. ein weltweites Netz von Widerstandgruppen aufbauen, muss enttäuscht werden. In ihren historischen Analogien hat alles seinen Platz, nur nicht sie selbst. Für alles haben sie ein Double gefunden: für den deutschen Faschismus, für den eliminatorischen Antisemitismus, für die Appeasementpolitik des Westens, für die Befreier. Nur eine Rolle bleibt auffallend unbesetzt: der antifaschistische Widerstand. Wer meint, den Antideutschen gebührt dieser Platz, hat den Plot in ihrem Apokalypse-Now-Szenario nicht verstanden: So blöd, auf ihre Geschichtsdublette selbst reinzufallen, sind sie eben nicht. In First-Class-Mentalität lassen sie sie an sich vorüberziehen: »Für Linke bleibt, am Traum von individueller Freiheit und einem schönen Leben für alle festzuhalten: Sherry statt Sharia!«

Wer mit diesem Marken-Bewusstsein nicht ganz glücklich ist, für den hat die Initiative Sozialistisches Forum (ISF) aus Freiburg den ultimativen Kick. Ein Überraschungsgast auf dem antideutschen Maskenball zum Kommunismus. Ein Mann, der »ohne es zu wollen, näher dran ist am Kommunismus, als seine Kritiker. […Ein Mann, der] auf seine, ihm als General einzig mögliche Weise, den antifaschistischen Kampf führt als eine Art israelische Ausgabe von Buonaventura Durutti.«

Dieser Mann, dessen wahre Mission nun enthüllt ist, heißt Ariel Scharon und ist zur Zeit der amtierende Ministerpräsident Israels.

Wer meint, das sei eine besonders gehässige Karikatur auf den Kommunismus der »dummen Kerle«, der möge alles weitere unter dem Titel: ›Der Kommunismus und Israel‹ in der Jour fixe-Ausgabe Frühjahr/Sommer 2002 nachlesen.

 

Wolf Wetzel

Dieser Text ist dem Buch » Krieg ist Frieden . Über Bagdad, Srebrenica, Genua, Kabul nach…« entnommen, Unrast-Verlag, Münster,2002